Die Spätfolgen der Schulzeit

Was und wie wir in der Schulzeit gelernt haben, beeinflusst nachhaltig unsere Art, wie wir heutzutage mit Wissen umgehen. In einer Welt alternativer Fakten bei gleichzeitig großer Dynamik haben Führungskräfte neue Stellschrauben zum Dranspielen dazubekommen. Hier drei augenfällige dieser Art:

 

1. Richtig und falsch

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In der Schulzeit gab es eine richtige und viele falsche Antworten (außer bei der Kombination Gedichtinterpretation + gnädiger Deutschlehrer). Über den Lauf vieler Jahre so praktiziert, hinterlässt das Spuren. Und die Suche nach dem „one best way“ (die wir Taylor zu verdanken haben), hat sich in vielen Bereichen bewährt: Sie hat zu schlanken Prozessen geführt, zu Vermeidung von Verschwendung in materieller, zeitlicher und jeglicher anderer Hinsicht.

Es lohnt sich jedoch, nachzudenken, wo dieses Streben eher schädlich als nützlich ist. Bei der Einschätzung von Kundenbedürfnissen z. B. mag es angeraten sein, nicht die eine richtige Antwort zu finden (in deren Fahrwasser dann ein Pulk an Maßnahmen gerinnt), sondern mehrere, möglicherweise sich widersprechende Erklärungen zuzulassen. Klingt nach alternative facts? Ist so. Führungskräfte, die sich widersprechende Erklärungsmuster aushalten können, sind die Sieger in diesem Bereich.

 

2. Das Wissensgefälle

Wir haben gelernt, dass ein Mehrwisser (Lehrer) vielen Wenigwissern (Schülern) gegenübersteht. Diese Aufteilung in zwei Fronten hat sich über den Lauf der letzten Jahre ohnehin gelockert – Arbeitsformen wie Einzelarbeit oder Lernteams haben (endlich!) Einzug in unsere Schulen gehalten. Dennoch ist das Hierarchiegefälle zwischen dem Mehrwisser und den Wenigwissern konstituierend für Lernsituationen geblieben. Für die Wenigwisser in Schulen mag das zielführend sein, denn bestimmte Grundfertigkeiten müssen verbindlich für alle vermittelt werden (schmerzhafte Lebensrealität als Hochschuldozentin: Rechtschreibung).

Aber ist nicht der Wechsel in eine andere „Institutionsform“ Anlass genug, dieses Setting aufzubrechen und den Betanker mit dem Betankten gleichzustellen? Dies hätte Konsequenzen für Lernformen in Unternehmen: Das pragmatisch motivierte Zusammenfassen aller Bedürftigen und die Betankung durch einen Mehrwisser könnte zugunsten anderer Lernformen zurückgefahren werden. Damit riskiert man Kontrollverlust, gewinnt aber nachhaltige Lernergebnisse. Bullshit-Bingo, Nachhaltigkeit!

 

3. Fehler

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Ein Fehler kostete in der Schulzeit wahlweise die Note, die Versetzung, eine Woche Fernsehen, das Freizeitwochenende mit den Pfadfindern. Konsequenz? Fehler sind böse, zu vermeiden, vertuschen, verstecken oder notfalls anderen in die Schuhe zu schieben.

Im Berufsleben hat das Fehlermachen eine Prise Chili dazubekommen: Denn bei passender Umgebung kosten Fehler heutzutage richtig Geld. Es ist also umso wichtiger geworden, möglichst keinen zu machen. Und falls es doch passiert: tarnen, täuschen, verpissen. Soweit, so normal – wir haben es ja so gelernt.

Der Forderung nach der überall propagierten Fehlerkultur löst in der logischen Konsequenz ein Gefühl von Misstrauen aus: Was passiert, wenn ich einen Klopper offen zugebe? Wird es mir nicht doch auf die Füße fallen? Der fromme Wunsch hier ist eine Umgebung, die differenziert mit dem „Fehler“ umgehen und ihn entsprechend aufnehmen kann, denn Fehler ist nicht gleich Fehler. Gewonnen hat ein Unternehmen, dessen Entscheider zu Unterscheidern werden: Ist es Unwissen? Leichtsinn? Ein echter Irrtum? Ein Versehen? Mangelnde Info? – Jede dieser „Fehlerarten“ zeitigt andere Ergebnisse und sollte entsprechend behandelt werden.

 

 

Fazit: Ohne Bildungshypothek kommt man schwer ins Erwachsenenalter. Die gute Seite: Jeder bringt sie mit, eine Verständigung darüber ist möglich. Sie muss nur von mutigen Verantwortlichen angestoßen und ausgehalten werden.

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