Dr. Sven Friedrich über Richard Wagner, künstliche Intelligenz und den Führungswahnsinn

Mit wem habe ich heute Vergnügen und Ehre?

Dr. Sven Friedrich, Direktor des Richard Wagner Museums, Haus Wahnfried, mit Nationalarchiv und Forschungsstätte, des Franz-Liszt-Museums und des Jean-Paul-Museums Bayreuth. – Klingt barock und ist es auch… Und damit eine angemessene Entsprechung für die rhetorischen Byzantinismen „Vergnügen“ und „Ehre“…

Spannen wir doch gleich mal einen großen Bogen aus der Zeit des byzantinischen Reichs in die Zukunft und sammeln Wagner unterwegs ein: Was hätte Richard Wagner wohl zum Thema künstliche Intelligenz/Digitalisierung gesagt?

Schrecklich! Wagner war Pantheist mit buddhistischen Neigungen, und auch sein Denken basierte immer auf anthropologischen Fragen. Das schwere Erbe Feuerbachs halt… Begriffe wie „Industrie“, „Ökonomie“, „Zivilisation“, „Technik“ etc. waren ihm ein Graus. Da war er eben Romantiker. Immerhin hat er ja noch die Erfindung des Phonographen erlebt, aber gar nicht ernst genommen, sondern gesagt, dass am Ende die Menschen selbst noch zu Maschinen würden…

Damit  befände er sich ja heute in bester Gesellschaft. Wir diskutieren gerade genau diese Themen: Wie wird künstliche Intelligenz unser Leben und damit die Arbeitswelt verändern? Werden wir KI-Vorgesetzte haben, die uns Befehle erteilen? Dabei fragen wir uns oft, was KI denn eigentlich können wird und wer die „Oberhand“ behalten wird. Mal etwas nassforsch auf Wagners Metier übertragen könnte man sich fragen: Kann KI wohl Musik gestalten, die Menschen berührt? Es gibt ja angeblich auch eine Top-10 Hit-Software.

Spannende Frage! Hängt natürlich auch von den jeweiligen Rezeptionshaltungen und -erwartungen ab. Die sind kulturell und subjektiv natürlich höchst unterschiedlich. Ich denke aber, dass KI sicher musikalische Strukturen und Gesetze beherrschen und imitieren kann – und am Ende dann eine Fuge steht, die wie Bach klingt. Aber eben nicht Bach ist. Denn die Kreativität selbst der avanciertesten KI kann ja immer nur auf den programmierten Strukturen, Programmen und Gesetzen beruhen. Was aber KI niemals haben kann und wird ist eben genau das, was sie vom Menschen unterscheidet: subjektiven Ausdruckswillen und Gestaltungskraft, die zumindest teilweise auch aus irrationalen Antrieben resultiert oder auch der Ekstase oder dem Rausch. Es widerspricht aber einer logisch-rationalen Intelligenz, dem System zur Zielerreichung von sich aus Schaden zuzufügen, z.B. durch Konsum von Drogen. Kurz: Ich denke, KI kann kreativ sein und komponieren, aber nicht genial.

Ein Drogen (oder was auch immer…) konsumierender Roboter als Chef/in, um dem Menschen so nahe wie möglich zu kommen? Gute Vorstellung…

Anthropologische Intelligenz beinhaltet nach meiner Auffassung immer auch Unschärfen, Paradoxa und Irrationalismen, beispielsweise so etwas wie Ausnahmen von der Regel. Oder freie Assoziation, Irrtümer und Fehler als Voraussetzung und Grundlage des Lernens. So „fand“ August von Kékulé bekanntlich die Lösung des für ihn rational nicht lösbaren Problems der chemischen Struktur des Benzols als Ring, nachdem er das Bild der Uroboros-Schlange geträumt hatte. Oder der geniale „Post-it“-Zettel, der das Produkt einer unzulänglichen, misslungenen Klebstoff-Synthese ist. Ob so etwas programmiertechnisch überhaupt realisierbar ist oder nicht eine contradictio in adiecto, vermag ich nicht zu beurteilen.

Sehr schön hat das übrigens gerade Martin Walker in seinem Roman „Germany 2064“ thematisiert. KI wäre demnach anthropologisch gesehen nicht wirklich intelligent. Wenn sie aber in ihren Urteilen, Entscheidungen und Handlungen so fehlerhaft wäre wie Menschen, wäre sie überflüssig. – Gleichwohl: Vorgesetzte, die nicht primär ihren Neurosen folgen, sondern Entscheidungen auf rein sachlicher Ebene treffen anstatt auf der Basis ggf. problematischer zwischenmenschlicher Gemengelagen – klingt irgendwie gut; und zugleich auch etwas gespenstisch…

Vielleicht wird das eine gute, weil um Reibereien bereinigte Zeit? Wie soll der Mensch das herausfinden, ohne es auszuprobieren?

Was die technische Entwicklung und die Folgen angeht, sollen wir doch bitte nicht so tun, als hätten wir das nicht unter Kontrolle. Die Frage ist doch, ob man alles machen kann, soll und muss, was technisch möglich wäre. Und das ist eine Frage, die eben nur ethisch, moralisch und juristisch – also letzten Endes nach anthropologischen Maßstäben – beurteilt werden kann. Dabei könnte KI sogar helfen, aber vermutlich nicht entscheiden. Denn die letzte Verantwortung für sein Handeln hat immer noch der Mensch. Diese ist an keine noch so ausgefuchste KI delegierbar. Diese kann allenfalls „Bedienungsfehler“ korrigieren. Und daher fordert uns jede neue Technologie neue ethisch-moralische Anstrengungen ab – und die sind nun mal nicht billig zu haben. Und werden letzten Endes auch nicht von einer „Moral Machine“ geliefert[1]. Aber neu ist das ja auch nicht, wie das „Terror“-Dilemma (Ferdinand v. Schirach) zeigt, bei dem es ja gar nicht um KI geht, sondern um die schwierige Frage, ob es ethisch, moralisch oder gar juristisch vertretbar oder sogar richtig sein kann, ein entführtes Flugzeug mit 164 Menschen an Bord abzuschießen, nachdem es auf die mit 70.000 Menschen gefüllte Allianz-Arena zufliegt und möglicherweise (!) hier einschlagen wird.

Wir kommen gar nicht hinterher, uns über diese Fragen Gedanken zu machen: Selbst fahrende Autos, die im Fall eines „Unfalls“ entscheiden müssen, wohin sie fahren (und wessen Leben und Sicherheit sie ggf. riskieren). Das sind Fragen, die nicht mehr rein mit Ratio und Abwägung gelöst werden können. Dennoch müssen wir uns diesen Fragen stellen – und bestenfalls schnell genug, um der Entwicklung des technisch Möglichen nicht hinterherzuhetzen. Was würde Wagner wohl zur aktuellen Geschwindigkeit sagen, in der die Welt sich schneller und immer schneller dreht?

Tut sie das? Oder kommt uns das – wie Menschen zu allen Zeiten – nur so vor? Wagner nannte die Zeiterscheinungen jedenfalls „Wahn“ (der angeblich in seinem Bayreuther Wohnhaus seinen Frieden gefunden haben soll, weshalb es „Wahnfried“ heißt). Wie auch immer ist Wagners Ästhetik in jedem Falle eine der Entschleunigung, denn das Erlebnis des musikalischen Dramas im vom Außen und Äußerlichen abgeschlossenen Theater definiert eine eigene ästhetische Dimension und Erfahrung von Raum und Zeit jenseits der empirischen. Das Prinzip ist in etwa dasselbe wie später beim Kino. Bei einer fesselnden Vorstellung kann es vorkommen, dass einem eine Stunde wie 10 Minuten erscheint, während umgekehrt der berühmte Kritiker-Satz gelten kann: „Als ich nach drei Stunden auf die Uhr sah, waren 10 Minuten vergangen…“

Das klingt nach Einstein: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“ – Unsere (vermeintlich) schnellen Zeiten haben jedenfalls einen neuen Kassenschlager geboren: Entschleunigung – ein Begriff, der momentan intensiv diskutiert wird, in einem Topf mit „Achtsamkeit“ und ähnlichen Begriffen, die dem Menschen einen Weg einräumen sollen, innezuhalten und zu verstehen, was mit ihm im Moment eigentlich passiert. Im Großen und Ganzen soll das zu geringerer psychischer Belastung führen, zu weniger Fehlern und damit zu besseren Arbeitsergebnissen. War Richard Wagner nach aktueller Beurteilung psychisch belastet? Lassen Sie uns doch mal eine rudimentäre psychische Gefährdungsbeurteilung für Richard Wagner durchführen:

Eine Arbeitsumgebung besteht aus mehreren Einzelfaktoren, die eine (zunächst neutral verstandene) Belastung ergeben – diese kann dann, je nach Individuum – zu negativen Folgen führen oder auch nicht.

  1. Was kann man zur Arbeitsaufgabe sagen, die Richard Wagner sich da ausgesucht hat?

Zunächst ist es eine selbstgewählte Aufgabe, was hohe Motivation und niedrige psychische Ausgangsbelastung annehmen lässt. Andererseits waren die Erfolgsaussichten und Zielvorstellungen zumindest unklar, was wiederum Druck erzeugt.

  1. Wie kann man seine physikalischen Arbeitsbedingungen beschreiben?

Die Arbeitsbedingungen an sich erscheinen unproblematisch, sind aber an durchweg schwierige Voraussetzungen gebunden: Materialbeschaffung und -herstellung, Umgebung (v.a. bei zahlreichen strapaziösen Reisen per Kutsche und in der Frühzeit der Eisenbahn), keine Elektrizität, keine technischen oder menschlichen  Hilfsmittel, Erzeugung kreativer Umgebung (bei Wagner: luxuriöses Ambiente als Inspirations- und Arbeitsvoraussetzung), fehlende Arbeitsergonomie…

  1. Welche sozialen Faktoren haben auf ihn eingewirkt, wie hat sein Umfeld ihn unterstützt/gefördert (oder auch nicht)?

Das soziale Environment Wagners ist insgesamt (bis vielleicht die letzten beiden Lebensjahrzehnte) als desaströs zu bezeichnen: Es gab dauernden finanziellen Notstand, also permanente Existenzkrise, unstete Lebens- und Arbeitsbedingungen, hohe, immer wieder fluchtbedingte Mobilität, ungesicherte Perspektive…

  1. Wie hat die Gesellschaft auf sein Schaffen reagiert? Gab’s wenigstens Anerkennung, Ruhm und Ehre?

Es gab eine extreme Polarisierung der Rezipienten, daher Tendenzen zu affirmativer Hybris einerseits und zu paranoiden Tendenzen andererseits. In jedem Fall gab es stets eine hochaffektive Spannungslage. Insgesamt sind Wagners Arbeitsbedingungen aus Sicht des heutigen Arbeitsschutzes völlig unzumutbar.

Man würde ihm also eine „Maßnahme“ überbraten. Wie wäre es mit einer Fortbildung zum Thema „Fehlerkultur“? Was wäre Wagners Statement dazu?

„Der Irrthum ist aber der Vater der Erkenntniß, und die Geschichte der Erzeugung der Erkenntniß aus dem Irrthume ist die Geschichte des menschlichen Geschlechtes von dem Mythus der Urzeit bis auf den heutigen Tag.“ (“Das Kunstwerk der Zukunft”, Sämtliche Schriften und Dichtungen Bd. 3, S. 43)

Also wäre er mit an Bord, dass Fehler in erster Linie „Gelegenheiten zum Lernen“ sind? Wie ist er selbst damit umgegangen? Wäre RW wohl ein guter CEO/Vorgesetzter gewesen? Warum?

Ganz sicher nicht! Obwohl er sich da heute sicher in guter Gesellschaft befände, denn er war egomanisch, neurotisch, fanatisch, intolerant, cholerisch, apodiktisch, ideologisch, berechnend, humorlos, schnell beleidigt, übersensibel…

Charmant. Ihre Antwort klingt danach, als sei in den Führungsetagen die Hölle ausgebrochen. Dabei wird derzeit diesem ganzen Themenkomplex immense Aufmerksamkeit zuteil: Führung, Wertschätzung, Motivation, der Eiertanz um die Generation Y, Stärkung der Arbeitgebermarke,… wird damit alles besser?

Tja, Theorie und Praxis, dazwischen ein weites trübes Feld… Ein Soziologe sagte einmal: „Psychopathen überfallen keine Banken, sie leiten sie“. Damit soll nun bitte keineswegs gesagt sein, dass jede Führungskraft mehr oder weniger psychopathisch sei. Aber die Theorie und die Bestrebungen um Führungskultur zeigen doch gerade, dass hierarchische, zunehmend inhalts- und sinnentleerte, dafür aber formal bestimmte Strukturen Menschen mit Ich-Defiziten, also fehlenden Skrupeln, mangelnder Empathie, dafür aber asozialen und narzisstischen Störungen begünstigen. Der Grund liegt darin, dass diese Personen in besonderer Weise systemkonform sein können, adaptiv, charmant, gewinnend und charismatisch, wenn es um die Erreichung ihrer Strategien geht, wonach psychischer Benefit sich mangels Ich-Struktur und –Bewusstsein vor allem aus dem sozialen Feedback bzw. der Machtausübung als Selbstzweck speist.

Ich konnte nicht sicher ermitteln, wem das Zitat entfleucht ist, aber es ist schön: „Culture eats strategy for breakfast“. Was sagen Sie als Kulturschaffender, was kann die Kultur dem kleinen Bruder „Unternehmenskultur“ an Wertvollem mit auf den Weg geben?

Die „Kultur“ kann meines Erachtens helfen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, zu lernen, dass alles schon mal da war und dass keine (!) unternehmerische, politische, juristische oder sonstige Entscheidung die Welt daran hindern wird, sich weiter zu drehen, dass es anthropologisch unverrückbare Werte und Konstanten gibt, unabhängig von Zeitgeist, Religion, Mode, Vorlieben, Klischees, Stereotypen und Kulturen usw. Und grundsätzlich hilft bei allen Fragen, die das soziale Handeln betreffen (also auch Unternehmenskultur), der kategorische Imperativ Kants noch immer ganz gut weiter.

Zu guter Letzt: Können Sie uns ein Detail über Richard Wagner verraten, das kaum bekannt ist?

Richard Wagner konnte schwimmen.

Besten Dank. Es war mir ein rhetorischer Byzantinismus.

 

    [1] z.B. Rahwan/Bonnefon/Sharif: Das soziale Dilemma autonomer Fahrzeuge, vgl. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/autonomes-fahren-moral-machine-gewissensfragen-zu-leben-und-tod-a-1108401.html

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