Interview mit Erzbischof Robert Zollitsch I

Die erste Frage, die ich immer stelle: Mit wem habe ich heute das Vergnügen und die Ehre?

Nun, ich glaube, das wissen Sie eigentlich: Ich bin Priester und Erzbischof. Ich war elf Jahre amtierender Erzbischof in Freiburg, sechs Jahre Vorsitzender der Bischofskonferenz und bin jetzt seit vier Jahren emeritiert, wie das bei uns so schön heißt – obwohl man von Ruhestand nicht sprechen kann, weil ich immer noch sehr aktiv und viel unterwegs bin. Aber das ist nun mal meine Aufgabe, als Priester und Bischof weiter in der Kirche zu wirken.

Wie spreche ich Sie denn korrekt an?

 Am besten mit Herr Erzbischof, denn der Titel ist geblieben.

Alles klar! Ich habe mich auf dieses Gespräch natürlich vorbereitet und habe ihm Vorhinein geschaut, welche Gemeinsamkeiten wir beide haben. Ich habe nicht viel gefunden außer einer Sache, nämlich dem Umstand, dass wir beide zum Studium nach Freiburg gezogen sind. Jetzt stellt sich mir die Frage: Obwohl wir unterschiedlicher kaum sein könnten – finden wir weitere Gemeinsamkeiten?

Ich habe gelesen, dass Sie in Berlin an einem Projekt beteiligt waren, wo es um Jugendliche und deren Vermittlung in Ausbildungsberufe ging. Ich war immerhin 16 Jahre in der Ausbildung von Priestern tätig, das heißt: Ich habe junge Männer auf dem Weg in den Beruf begleitet. Ich würde sagen, dass es eine der schönsten Zeiten meines Lebens war, mit jungen Menschen den Weg in die Zukunft zu gehen.

Und vielleicht noch eine, denn Sie arbeiten ja in der Organisationsentwicklung: Ich war 20 Jahre Personalreferent in der Diözese, war dabei auch für die Personalplanung und Pastoralplanung zuständig. Da gibt es viele Planungsaufgaben, man muss über Strukturen nachdenken, es gab Schnittstellen zu den Gemeinden. Das Leben geht weiter und wir können als Kirche nicht einfach stehen bleiben. Es war 20 Jahre ganz unmittelbar meine Aufgabe, diese Themen voranzutreiben, Gespräche zu führen, Menschen zu motivieren, sich der veränderten Situation zu stellen. Eine sehr lebendige Aufgabe!

Was die Ausbildung von Priestern angeht: Gab es das auch und wie sind Sie damit umgegangen, dass jemand auf dem halben Wege sagt, dass er sich geirrt hat und womöglich eine falsche Entscheidung getroffen hat?

Ja, das kam vor und das gehört dazu. Es gab Männer, die für sich erkannt haben, dass es nicht der richtige Beruf ist. Die Zeit des Studiums und der Ausbildung ist dazu da, eine Entscheidung zu treffen. Wenn das vorkam, war es meine Aufgabe, die Menschen ein Stück weit zu beraten, auch wenn es mich manchmal geschmerzt hat, dass sie einen anderen Weg gingen als der, zu dem sie angetreten sind.

Wie begleitet man jemanden wieder hinaus, der sich so lange auf dieses Ziel ausgerichtet hat, der wahrscheinlich sein Leben darauf eingerichtet hat, einen bestimmten Weg zu beschreiten?

In dem Fall haben wir überlegt, welche Alternativen es geben könnte: Was kann er von dem, was bisher wichtig war, mitnehmen? Und was kann er neu einbringen? Ich habe mit einigen, die ihren Weg verändert haben, bis heute Kontakt – wir sind also einfach eine Wegstrecke gemeinsam gegangen, die trotz einer anderen Entscheidung nicht unbedeutend war für das Leben.

Sie haben in einem anderen Interview gesagt, was den Priesterberuf angeht ist die Kirche natürlich auch von der demografischen Entwicklung betroffen. Das heißt: Es gibt weniger Menschen allgemein und damit auch weniger junge Männer, die Priester werden wollen. Wie sehen Sie im Moment die Entwicklung – vielleicht auch im Rückblick auf diese Zeit, in der Sie für die Ausbildung zuständig waren?

Wir erleben tatsächlich, dass sich weniger Leute auf diesen Weg machen wollen. Und es ist natürlich ein ganz breites Feld. Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer Vertreterin des Arbeitsamts. Sie sagte mir, dass junge Leute heute vorrangig einen „sauberen Job“ suchen, das heißt: eine Tätigkeit mit angenehmen Arbeitszeiten und einer klaren Regelung bezüglich Freizeit, Feierabend, Urlaub, freien Wochenenden etc. Schauen wir uns mit diesen Anforderungen an, wie schwer es ist, Ärzte auf das Land zu bekommen: Landärzte gibt es wenige. Einer der Gründe liegt darin, dass man nicht genau acht Stunden arbeiten kann. An einen Landarzt wird die Forderung gestellt, stets präsent zu sein, Ansprechpartner zu sein, wenn die Leute ihn brauchen. So ähnlich ist es beim Priesterberuf. Der Priester ist ein Mensch, der für andere Menschen da ist. Er kann nicht einfach nach acht Stunden den Feierabend ausrufen.

Ich kenne diese Problematik zum Beispiel auch aus einem evangelischen Pfarrhaus: Die Frau des evangelischen Pfarrers tut sich schwer, denn sie ist mit gefordert, sich ins Gemeindeleben einzubringen, Präsenz zu zeigen und ansprechbar zu sein. Das ist tatsächlich ein allgemeines soziologisches Problem und trifft natürlich auch für uns als Priester zu. Neben den anderen Fragen nach Religiosität oder der Tiefe des Glaubens gibt es also noch die Frage, wie stark ich mich einbringen muss und wo man Freiräume schaffen kann. Wir merken in der Kirche durchaus, dass ein Wandel kommt. Wir stehen mitten in dieser Situation und es gilt, diesen Weg mitzugehen.

Wie könnte es die Kirche als Arbeitgeber diesen jungen Menschen leichter machen, sich für den Beruf zu interessieren? Wir beobachten bei Wirtschaftsunternehmen ein ähnliches Phänomen: Ich bin Dozentin in Freiburg an der Uni und wenn ich meine Studenten frage, wie sie sich ihr Arbeitsleben vorstellen, dann kommt meist eine lange Wunschliste: Ich möchte nicht am Wochenende arbeiten, ich möchte eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, ich möchte genug Zeit für meine Familie haben. Außerdem möchte ich, dass die Firma mir einen Firmenwagen/Fahrrad und das Fitnessstudio zahlt. Darüber hinaus möchte ich ggf. Zeit für ein Sabbatical eingeräumt bekommen und mich regelmäßig weiterbilden. Vom Arbeiten her möchte ich eine verantwortungsvolle Aufgabe, ich möchte Entscheidungsfreiraum. Ich möchte sinnvolle Dinge tun... Die Arbeitgeber stellen sich langsam darauf ein, denn ohne Arbeitskräfte ist ja jedes Unternehmen am Ende. Was kann die Kirche als Arbeitgeber tun und welchen Spielraum gibt es da überhaupt?

Wir haben den großen Vorteil, jungen Menschen sagen zu können: Das ist ein Beruf, der das Leben ausfüllt, weil die Identität zwischen Beruf und Berufung gegeben ist. Denn das, was in mir lebt und woraus ich lebe, das möchte ich weitergeben und anderen Menschen vermitteln. Darin liegt für uns tatsächlich eine große Chance, junge Menschen nicht nur für den Priesterberuf, sondern auch den des Pastoral- oder Gemeindereferenten begeistern zu können. Diese Berufe sind vom inneren Sinn her getragen. Es sind Berufe, wo der Mensch, der von dem Sinn lebt, gleichzeitig den Sinn an andere weitergeben kann.

Natürlich kommt dazu heute noch die Herausforderung, dass die Arbeitsumgebung so organisiert werden muss, dass eine gewisse Struktur herrscht, dass genug Freizeit da ist, dass ich Respekt davor habe, wenn sich jemand weiterbilden möchte oder ein Sabbatical machen will, dass jemand auch einen Tag pro Woche einfach mal Pause braucht. Die Strukturen dafür zu schaffen war beispielsweise zu meinen Zeiten als Personalreferent eine meiner Aufgaben. Wir haben beschlossen, dass es einen freien Tag in der Woche geben soll, was es natürlich zu den Zeiten, in denen ich Kaplan wurde, noch nicht gab. Damals war man immer im Dienst. Aber wenn man so intensiv für andere da sein muss, muss man auch selbst einmal atmen können. Wir haben also erkannt: Jeder braucht mal Zeit für sich. Es war damals gar nicht leicht, das den älteren Priestern zu vermitteln. Die haben sich natürlich gewundert, warum diese Neuerung kommen soll, wo es so lange auch anders ging. Letztlich haben wir jedoch festgestellt, dass der freie Tag eine Hilfe darstellt. Gleichermaßen müssen wir über neuartige Formen der Zusammenarbeit nachdenken. Es gilt zu klären: Wie kann man die modernen Möglichkeiten sinnvoll nutzen, wie kann man erreichbar sein? Nehmen wir zum Beispiel das Smartphone…

Sie haben also ein Smart Phone? [wahrscheinlich mit etwas mehr Überraschung in der Stimme, als die Höflichkeit geboten hätte]

Ja, natürlich. Und damit bin ich natürlich auch ganz anders erreichbar. Ich war vor einiger Zeit mit einem Kollegen in Warschau, der dann von zu Hause aus der Gemeinde kontaktiert wurde und für ein Problem eine Lösung liefern sollte und auch konnte. Hier gibt es also viele sinnvolle Möglichkeiten, die technischen Neuerungen gut zu nutzen. Da hat die Kirche einfach nach vorne zu schauen.

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