Interview mit Erzbischof Robert Zollitsch IV

Orientierung ist ein gutes Stichwort… Ich habe ein paar Gedanken, wo Sie mich natürlich um Längen schlagen werden, weil ich davon keine Ahnung, sondern nur eine Meinung dazu habe. Aber vielleicht versuchen wir es einfach mal. Wir haben grade schon über unsere Zeit gesprochen, über die Hektik, über Technik. Ich meine festzustellen, dass es viele und immer mehr Ersatzreligionen gibt. Man könnte ja denken, dass der Zulauf zur Kirche deshalb gelitten hat, weil man sich da bestimmten Regeln unterwerfen muss, Einschränkungen hinnehmen oder sein Verhalten anpassen muss. Ich glaube, festgestellt zu haben, dass diese Ersatzreligionen von Menschen deutlich mehr fordern, und dass Menschen es dennoch tun, und zwar gerne und freiwillig. Warum nehmen wir nicht einfach das Original?

Einerseits halte ich das für ein Zeichen, dass das Religiöse sehr stark im Menschen steckt. Es scheint schwierig zu sein, ohne irgendeine Form von Religion zu leben. Wenn man Religion weiter fasst und es mit Sinn gleichsetzt, stünde man ohne Religion und ohne Sinn dem nichts gegenüber. Das hat nicht mal Nietzsche geschafft.

Andererseits sind wir eine Gesellschaft geworden, in der die Vielfalt zählt, in der es für alles eine Fülle von Angeboten gibt und die außerdem sehr stark subjektiv geprägt ist. In dieser Fülle suchen Menschen nach Orientierung, aber sie suchen etwas, was für sie individuell funktioniert. Da sind die alten Religionen vielleicht weniger attraktiv als etwas Neues und Modernes, was natürlich immer interessanter ist als das bereits Bekannte. Also gehen wir erst einmal auf das Neue und Interessante zu und finden vielleicht eine Bindung. Meiner Beobachtung nach kann das gelingen, oft ist die Bindung jedoch nicht besonders stark und sie löst sich wieder.

Aus dieser Beobachtung entsteht eine Frage die mich als Bischof beschäftigt, nämlich die Frage, warum es uns nicht gelingt, den Menschen zu vermitteln, dass auch die alten Religion etwas Erfrischendes in sich tragen können. Wir sind als Kirche dahingehend an Traditionen und vielleicht auch Klischees gebunden – uns hängt der Ruf an, dass wir als Institution alt geworden sind und auf die aktuellen Fragen keine Antworten haben. Dabei ist das Evangelium zum Beispiel für mich etwas so Tolles und Ansprechendes, fantastisch!

In Ersatzreligionen sehe ich die Gefahr, dass die Begeisterung für einzelne Themen und Bereiche zum Fanatismus wird. Wenn Religion sich in ihren eigenen Vorstellungen verabsolutiert und nicht mehr erkennen kann, dass es tatsächlich den Mitmenschen neben mir gibt, der aus einer anderen Überzeugung kommt, dann wird Religion tatsächlich gefährlich. Nehmen wir als Beispiel die Strömungen des IS. Gott sei Dank sehe ich in unserer Religion keine christliche Gruppe, die ähnlich handeln würde, Gott sei Dank ist das nicht mehr so. Wir haben es in jüngerer Zeitgeschichte erlebt, zum Beispiel in Nordirland, wo Nation und Religion zu sehr in eins gesetzt wurden. Das muss einem Sorge bereiten, denn dadurch entsteht Intoleranz.

Ich erkenne darin ein Stück weit Anzeichen für Unsicherheit. Dahinter steht die Ansicht, dass ich das eigene mit Gewalt verteidigen muss, weil ich doch nicht so sicher bin, dass ich Recht habe. Für die Gesellschaft liegt eine sehr große Aufgabe darin, den Umgang mit Freiheit und Vielfalt einzuüben. Wir müssen lernen, die eigene Überzeugung in dieser Freiheit zu leben, aber dies nicht aggressiv zu tun. Vielmehr kann ich andere einladen, meine Überzeugung zu teilen. Um es für den christlichen Bereich zu sagen: Es ist für mich z. B. immer wieder eine Frage, wie wir in der Ökumene mit dem umgehen, was sich in den vergangenen Jahrhunderten Katholiken und Protestanten einander angetan haben. Das war kein christliches Verhalten! Wie gehen wir heute damit um, wie lernen wir aus der Geschichte?

In dieser Sichtweise stecken meiner Meinung nach ganz viele Punkte. Der erste ist die Frage der Freiheit. Wir haben heute sehr viele Freiheiten, das heißt, es gibt weniger denn je Dinge, die uns begrenzen. Anscheinend braucht der Mensch aber etwas, was ihn begrenzt, was ihm Richtung und Struktur gibt. Diese große Freiheit überfordert viele Menschen anscheinend. Es gibt ja nicht umsonst die Redensart, man habe „die Qual der Wahl“. Das gilt für alle möglichen Lebensbereiche, egal, ob ich ein neues Auto, ein neues Handy oder nur eine Zahnpasta kaufen möchte. Am Ende ist es wahrscheinlich fast egal, aber die Auswahl vermittelt mir den Eindruck, dass diese Entscheidung wichtig und relevant ist und die Situation fordert mich auf, eine gute Entscheidung zu treffen.

 

Da hilft es, wenn mir von irgendwoher Struktur gegeben wird – hierin liegt meiner Ansicht nach der Ansatzpunkt für Ersatzreligionen. Über die intensive Beschäftigung mit der Technik haben wir ja schon gesprochen, über Smartphones, Smartwatches, die neuesten Apps. Eine weitere Ersatzreligion ist, so glaube ich, das intensive Befassen mit Sport, Ernährung und Schönheitsidealen. Das wird über den leichten Zugang über das Smartphone gefördert. Ich kann mich auf eine leichte Art und Weise in ein Thema versenken. Ich kann mich vom Sofa aus mit einer Denkweise in Beziehung setzen und so ein ganz eigenes Weltbild schaffen, an dem ich mich ausrichten kann. Deshalb tut sich mir die Frage auf, ob Religiosität, also der Wunsch, sich zu etwas hinwenden zu wollen, eine bewusste Entscheidung ist oder ob das dem Menschen inne ist und er gar nicht anders kann.

Ich glaube, dass es schwer ist, mit dieser großen Freiheit zu leben, denn sie fordert uns gewaltig heraus. Menschen versuchen, irgendwo hinzugreifen, vielleicht auch zu fliehen. Das gelingt leichter mit dem Handy, früher war es das Fernsehen. Das ist einfacher, als einer Überzeugung nachzugehen. Den Verantwortlichen, also Eltern, Lehrern, stellt sich die Frage, was sie Jugendlichen an Werkzeug an die Hand geben könnten, damit diese gar nicht erst fliehen müssen. Ich kann ja beispielsweise auch nicht allen (Ersatz-)Religionen gleichzeitig nachgehen, auch da muss ich eine Auswahl treffen. Früher, etwa bis zum zweiten Weltkrieg und auch ein Stück darüber hinaus, wurden die meisten Menschen in eine der großen Religionen hineingeboren, so dass sich die Frage der Wahl gar nicht erst stellte. Man hat die Religion einfach am Vorbild erfahren und mitgelebt.

Heute zwingt die Vielfalt zur Entscheidung. Als Kirche fällt es uns schwer, den Pluralismus zu sehen, in ihm zu agieren. Wir müssen uns fragen, von welchen Werten unser Leben getragen ist und wie wir diese Werte vermitteln und als Vorbilder vorleben können. Gerade dafür ist es umso schlimmer, wenn Eltern nicht mehr genug Zeit für ihre Kinder aufbringen können oder wollen.

Sprechen wir mal über diese Werte. Es gibt Untersuchungen, Berichte und Studien darüber, wie über die ganze Welt verteilt Gesellschaften miteinander leben. Ich bin kein Experte, aber soweit ich das beurteilen kann, gibt es Werte, die in allen Gesellschaften ähnlich sind. Es gibt keine Gesellschaft, in der es schick ist, jemandem etwas zu klauen, jemandem Schaden zuzufügen, jemanden zu verletzen oder zu töten. Das heißt, dass unter diesen Werten eine gemeinsame Basis liegt, denn Menschen haben festgestellt, dass es ihnen besser geht, wenn sie sich als Gesellschaft an gewisse Spielregeln halten. Dafür brauche ich genaugenommen weder eine Religion noch eine andere Begründung. Auf dieser Erkenntnis fußend müsste ich doch mit einem Vertreter einer anderen Religion ganz einfach eine gemeinsame Basis finden können…

Natürlich! Ich kann ganz einfach zum Beispiel mit Muslimen gemeinsame Werte finden, das ist doch gar kein Problem – die fanatischen Strömungen natürlich ausgenommen. Die Extreme teilen diese gemeinsame Wertebasis nicht und dann ist auch der Dialog schwierig. Ich kann keine Menschen akzeptieren, die mit Gewalt ihre Sichtweise durchsetzen wollen. Das ist meiner Meinung nach ein Widerspruch zu Religion.

Vielleicht zeigt der Zulauf zu extremen Gruppen, auch unter Jugendlichen in Deutschland, dass auch hier Überforderung herrscht und man sich nach einem klaren Regelwerk und Struktur sehnt. Ist das vielleicht wieder ein Beweis dafür, dass Menschen das einfach brauchen und es sich suchen, wenn sie es nicht haben?

Ja, das stimmt. Und es ist besonders dann gefährlich, wenn z. B. über die Hinwendung zu einer extremen Gruppierung nicht mehr kritisch reflektiert werden kann. Dann muss man anscheinend blind sein – oder eben sehr verzweifelt.

An dieser Stelle möchte ich ein Zitat von Thomas Jefferson in den Ring werfen, nämlich: „Die Freiheit ist ein stürmisches Meer. Ängstliche Naturen bevorzugen die Stille des Despotismus“ – das fasst das Problem mit Freiheit und Überforderung schön zusammen, nimmt aber gleichzeitig noch die politische Perspektive mit auf. Ich mag dieses Zitat sehr, denn es erinnert mich daran, dass es in Ordnung ist, von Vielfalt und Freiheit überfordert zu sein – dass man sich die Zeit nehmen sollte, zu prüfen, zu reden und sich zu irren.

Das ist gut und vielleicht kann man für sich festhalten: Ich kann vielleicht alles haben, aber ich muss nicht alles haben und ich will auch gar nicht alles haben. Wenn ich mich entscheide, dann enge ich mich ein, kann mich aber in dieser Entscheidung viel stärker engagieren, als wenn ich ein Leben führen möchte, in dem ich mir alle Möglichkeiten immer offen halte. Dann verliere ich mich im Ungefähren.

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