Wie geht Lernen?

Vom Nürnberger Trichter ins Taka-Tuka-Land in drei Schritten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden erste ernstzunehmende Anstrengungen unternommen, das Phänomen des Lernens zu verstehen: Schon früher wurde entdeckt, dass die meisten Menschen sich für kurze Zeit ca. sieben Elemente im Kurzzeitgedächtnis behalten können (Millersche Zahl). Es folgten Versuche mit Tieren (tanzende Tauben von Skinner, Pawlow'scher Hund) und unseligerweise auch mit Menschen („kleiner Albert“). Ebbinghaus beispielsweise ließ Probanden sinnlose Silben auswendig lernen, um zu sehen, was behalten wird und wie lange.

Alles in allem wurde mangels anderer Möglichkeiten untersucht, wie sich das Verhalten eines Menschen in eine gewünschte Richtung ändern lässt. Der Mensch mit seinem Vorwissen, seinen Lerngewohnheiten, seiner Motivation und vielen anderen Eigenschaften wurde als „Blackbox“ angesehen, in die man ja eh nicht „reinschauen“ kann, also versuchte man es auch nicht.

 

Diese erste Phase der Lernforschung, Behaviorismus genannt, beantwortete die Frage „was ist lernen?“ in der Summe so: Lernen ist eine beobachtbare Verhaltensänderung. Das gewünschte Verhalten wird mithilfe von Konditionierung bzw. Belohnung und Bestrafung erzielt.

 

Mit wissenschaftlichem Fortschritt auf dem Gebiet der Hirnforschung und gleichzeitig mit der Ablehnung der negativen Folgen des Behaviorismus kam die nächste Generation: Der Kognitivismus öffnet etwa ab den 1950er Jahren die „Blackbox“ und versucht, die Wirkungsweise dieser Zauberkiste zu verstehen. Es ist die Zeit, in der Gehirn- und Informationsverarbeitungsprozesse intensiv erforscht werden: Gedächtnismodelle werden konzipiert, die erklären sollen, warum und wann und wie Menschen Dinge lernen, sprich: was man als Input „einfüllen“ muss, damit das gewünschte Lernergebnis als Output „stattfindet“. Mit dieser Betonung auf dem Input geht eine starke Lehrerzentrierung einher, von der wir uns heute noch nicht gelöst haben.

Der Kognitivismus beantwortet die Frage nach dem Lernen so: Lernen ist der Ablauf der individuellen Informationsverarbeitung sowie die dazugehörigen Denk- und Verarbeitungsprozesse der Lernenden und umfasst die Aufnahme, Verarbeitung sowie die Wiedergabe von Informationen.

Jetzt lehnen sich bestimmt alle zurück und sagen: Ja, ist ja richtig, da stehen wir heute. Es kommt aber tatsächlich noch was: Der Konstruktivismus ist das aktuell geltende Paradigma. Wie der Name sagt, geht man von einer höchst individuellen Konstruktion von Wissen aus, die jeder Lerner selbständig und aktiv vollzieht. Damit ist der Nürnberger Trichter endgültig ein Kandidat für die Rumpelkammer – einfach nur Wissen „einfüllen“ und dann geschieht Lernen… so einfach ist es nicht.

Stattdessen bedeutet Lernen, den Lernstoff, die Lernziele, die Lernsituation so individuell wie möglich auf den lernenden Menschen zuzuschneiden. Das bedeutet, die Aufgabe eines „Lehrers“ (allein die Begrifflichkeit ist zu überdenken, wenn man es genau nehmen will), hat sich verändert: Er ist „Ermöglicher“ des Lernens geworden und nicht mehr in Personalunion Alleswisser, Korrigierer, Alle-Fragen-Beantworter. Er muss die Wissenselemente finden, die zur Person passen oder ihr ermöglichen, das Relevante zu finden. Es muss in Umfang, Darstellung, Struktur, Körnung (…) an das angepasst sein, was der Lerner jetzt schon weiß – um Andockstellen für das neue Wissen zu schaffen. Er begleitet den Lerner und gibt ihm Feedback, ohne selbst alles zu wissen – eine immense Aufgabe, zu der längst nicht mehr jene Person geeignet ist, die viel Fachwissen angehäuft hat. Mit der Vervielfältigung des menschlichen Wissens ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis wir vor der Menge und Komplexität kapitulieren müssen und die Fähigkeit, den Überblick übers große Ganze zu behalten das Fachexpertentum zumindest in der kleinsten Körnung ablösen wird.

 

Aktuell, bis wir mehr wissen, ist Lernen also die individuelle (Neu-) Konstruktion von Wissen auf Basis der Interpretation aller Reize aus der Umwelt sowie des eigenen (bewussten und unbewussten) Vorwissens.

 

Dies alles hat immense Konsequenzen für die nächsten Jahre, die uns große Herausforderungen in Sachen Lernen bescheren werden. Zentral ist, zu verstehen, dass manche Lernformen besser geeignet sein werden, um die Herausforderungen zu meistern – andere sind weniger geeignet.

Der Idealzustand ist, dass der Lerner selbst seinen eigenen Standort so gut zu bestimmen weiß, dass er jene Lernbausteine, die ihm weiterhelfen werden, selbst zuverlässig identifizieren kann. Dann muss man ihn aus Sicht des Vorgesetzten nur noch „machen lassen“ und Hindernisse aus dem Weg räumen, die den Lerner später daran hindern, sein neues Wissen auch anzuwenden. Der Mensch muss lernen können, dürfen und wollen. Darauf sollten wir z. B. auch schon Schülerinnen und Schüler vorbereiten und diese Kompetenz das ganze Leben lang weiter fördern und unterstützen.

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