Antikes Change Management - der Revolutionskalender

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Alles mit der Zeit

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Das Jahr 1789 markiert in vielerlei Hinsicht einen Neubeginn: Nach den bewegten Jahren der französischen Revolution war es Zeit für eine gesellschaftliche Neuordnung und die Revolutionäre dachten, die Umwälzungen wären doch ganz gut damit signalisiert, dass man die neue Zeit auch mit einem neuen Kalender erfasst. Nix leichter getan, als etwas so Grundlegendes und Zentrales mal zu ändern – ist ja für nen guten Zweck. Tja, und was dann passierte... doch lest selbst!

Teil I: Handfeste Change-Anlässe

Wer meine kleine Serie kennt, kann sich schon denken, dass das alles nicht so reibungslos vonstattenging, wie man sich denken möchte. Wir machen uns wahrscheinlich gar nicht mehr klar, was so ein Kalender inkl. der Zeitmessung „leisten“ muss, nämlich: das Jahr strukturieren, die Jahreszeiten „abbilden“, Feiertage (religiöser Bezug) und außerdem so „Kleinkram“ wie Schaltjahre regeln. Unser heutiger gregorianischer Kalender war damals schon in Benutzung und wuppte diese Aufgaben ganz ordentlich.

Um zu verstehen, was am damals gültigen Kalender so abschaffenswert war, sollten wir schauen, wo er herkommt (der Profi fragt: Was ist an der bisherigen Lösung schlecht?):

Mit dem Jahr Null beziehen wir uns auf den Zeitpunkt der Geburt Jesu, es ist also eine christlich-religiöses Instrument. Der gregorianische Kalender ist nach einem Papst benannt und beruht außerdem auf den Vorüberlegungen, die Julius Cäsar für die Beweltherrschung seines großen Reiches ausgefuchst hat (und seinerseits wieder im Orient abgespickelt hat), garniert mit ein paar Bezeichnungen für die Wochentage, die auf ein paar heidnische Gottheiten zurückgehen. Das alles (Religion, Weltherrschaft, Orient, heidnische Gottheiten) sind keine Bezüge, auf die der engagierte Revolutionär abfährt.

Der abgekochte Change-Profi bemerkt bereits jetzt die handfesten Gründe, das funktionierende Instrument der Alltagsbewältigung abzuschaffen. Drauf zu gucken, dass etwas einfach FUNKTIONIERT, ist was für Anfänger – es reicht, wenn wir die bisherige Lösung nicht MÖGEN. Das erinnert doch düster an Dinge, die abgeschafft werden müssen, weil der Vorgänger sie angeschafft hat, oder nicht? Ein Grund findet sich schließlich immer.

Teil II: Der absolute Nullpunkt

Wichtig ist, auf erfolgreiche Change-Projekte zu schauen: Da gab es z. B. das metrische System, das die Vielzahl an regional unterschiedlichen Methoden, Gewichte und Entfernungen zu messen, ablöste. Merke: Hiermit ging eine handfeste Verbesserung einher und die neue Lösung wurde gut angenommen. Klar, sie bracht Ordnung in die unübersichtliche und Streit provozierenden Einzellösungen.

Aufgabe 1 im Neuen-Kalender-Einführen ist, sich zu überlegen, was das neue Jahr Null wird. Da die Revolutionäre der verständlichen Ansicht waren, Zeugen einer Zeitenwende zu sein, lag es nahe, das Jahr Null auf den Tag des Sturms auf die Bastille (1789) zu setzen. Doof, dass die Bastille-Geschichte am 14.7. stattfand und man nun mit der ganzen wunderbar-aufbruchsstimmigen Lösung schon am 31.12. vor dem Problem stand, ob nun am 1.1. ein neues Jahr anfangen würde oder man nun immer am 13.7. Silvester feiern würde. Blöderweise passierte am 10. August 1792 das nächste markante Ereignis (Sturm auf die Tuilerien), so dass man schon wieder einen Grund für einen neuen Nullpunkt hatte. Noch nie hätte einer Debatte ein Kelvin so gut getan…

Es wurde langsam verwirrend und man stritt sich intensiv darüber, was ein würdiger Nullpunkt sei – zwei hatte man schon, mit dem ersten Tag nach der Absetzung des Königs (22.9.) kam ein weiterer Nullpunkt-Kandidat dazu. Merke: Erst den Change ausrufen, die Details kommen später!

Teil III: Hurra - ein Arbeitskreis!

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, dann gründ‘ ich einen Arbeitskreis: Der Erziehungsausschuss erarbeitete in Rekordzeit (9 Monate!) den „republikanischen Kalender“. Kritische Stimmen, z. B. von Abbé Sieyès wurden, wie sich das gehört, abgewürgt, der alte Bedenkenträger. Das Ergebnis war eine bürokratische Kopfgeburt, mit der niemand so richtig warm wurde:

-12 Monate mit je 3x10 Tagen, also 3 „Dekaden“, mit naturtrüben Namen wie z. B. „floréal“ (Dekade von 20. April bis 19. Mai).

-5 Zusatztage wurden halt „hintendrangehängt“ – sonst geht’s ja alles nicht auf. Was nicht passt, wird halt passend gemacht

-Die Umstellung der Tageszeit auf 10 Stunden mit je 100 Minuten scheiterte an den Uhrmachern, denen ein deftiger Organizational Defreeze wahrscheinlich gut getan hätte.

-Außerdem wurde empfohlen, Kinder einfach nach ihrer Geburts-Dekade/Tag/Zeit zu benennen. Das wunderbare Ergebnis wären Namen gewesen wie Guiprêle (nach dem franz. Wort prêle = Schachtelhalm) oder Puibeuf (fragt mich nicht).

Die nicht ganz unwichtige Frage, wie man diese Fülle an guten Ideen in die Köpfe der Menschen bringt, wurde in ein Teilprojekt verschoben, dessen Projektleiter wohl längere Zeit im Urlaub war oder in der Linie gebraucht wurde.

Teil IV: Die Sonntagsfrage oder: Das 9:1-Problem

Der sperrige Kalender wurde mit einer soliden Cross-Media-Kampagne unters Volk gebracht: Gedruckte Kalender wurden verteilt (viele konnten nicht lesen, aber nunja), Wettbewerbe belohnten hübsche Bilder. Ein "Festkalender" pushte den neuen Ruhetag (Decadi) mit allerlei Tamtam. Verbindlich vorgeschrieben war der Kalender jedoch nur im behördlichen Kontext.

Das Kernproblem: Mit der Zehntagewoche ergaben sich 9 Arbeitstage auf 1 Ruhetag, was im hart arbeitenden Volk kaum mehrheitsfähig war #Denkfehler. Darüber hinaus sorgte die Religionsfreiheit dafür, dass Gläubige weiterhin "ihren Sonntag" (also den Septidi) als Feiertag ansahen, obwohl der Decadi zB als einziger Tag für Eheschließungen erlaubt war. Manche Werkstätten schlossen also am Septidi, manche am Decadi - kaum die Vereinfachung, die man mit dem Kalender eigentlich mal erreichen wollte.

13 Jahre lang mühte sich die Nation so mit ihren 2 Kalendern und man kann trefflich darüber streiten, ob die Einführung des neuen Kalenders zu zaghaft (oder: rücksichtsvoll?) oder zu brutal vollzogen wurde. Das Ende besiegelte schließlich ein berühmter Totengräber, dessen Motiv zur Abschaffung quasi das gleiche war wie jenes zur Einführung.

Bonus Fun Fact

Der berühmte Totengräber für das ganze Projekt war schließlich Napoleon, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte. Napoleon konnte unmöglich den Kalender jener Republik weiterführen, die er soeben beerdigt hatte.

Mit der Abschaffung des nur halbherzig eingeführten Kalenders löste sich schließlich auch das Problem der kalendarischen Isolation Frankreichs, das in fortschreitenden Zeiten von Handel und Kooperation zum ernsthaften Problem geworden war.

So kann man sagen, dass die Abschaffung des republikanischen Kalenders gleichzeitig in Schritt nach zurück und ein Schritt nach vorne war.

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