Das Menschenbild in der Ambidextrie

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Bei zwei so unterschiedliche Unternehmens-Modi, wie sie im wissenschaftlichen Konzept der Ambidextrie angelegt sind, ist die Frage nur legitim, wie der Mensch eigentlich jeweils gesehen wird – denn das hat Auswirkungen darauf, wie es ihm geht und an welchen Stellschrauben man drehen könnte, um Dinge zu verbessern.

Der Exploit-Modus ist ganz darauf ausgerichtet, schnell, sparsam, effizient zu sein und ein Produkt in vordefinierter (hoffentlich guter) Qualität auf den Markt zu bringen. Um dies zu gewährleisten, spielt die Planung von Arbeitsprozessen eine große Rolle: Sie sind meistens stark zahlenorientiert, gut durchdacht und erprobt und das Auftreten von Qualitätsproblemen wird durch angemessene Kontrollen reduziert. Menschen, die an einem Produktionsprozess beteiligt sind, haben oft wenig Handlungsspielraum, ihr eigenes Arbeiten frei zu gestalten, denn sie müssen sich dem Prozess unterwerfen, der zur Herstellung des Produkts angelegt wurde: Sie sind Rädchen in einer Maschine und zum Funktionieren der Maschine ist es nicht besonders wichtig, ob das Rädchen sich gut fühlt.

Wir befassen uns aus Gründen der Anschaulichkeit bewusst mit einer extremen Ausprägung des Exploit-Modus und vernachlässigen dabei, dass es sehr wohl Möglichkeiten gibt, diese Arbeit sinnvoll, angenehm und z. B. ergonomisch zu gestalten. Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, dass ein produzierendes Unternehmen aus mehr Mitarbeitern als nur den „Ausführenden“ in einer Produktionsstraße besteht – diese sind jedoch die Mehrheit und die entscheidende Einflussgröße für das wirtschaftliche Fortbestehen des Unternehmens. Der Overhead ist deutlich kleiner und in Aufgabe, Rolle und Funktion mit mehr Freiheitsgraden ausgestattet. Fassen wir für den Moment zusammen, dass der Mensch im Exploit-Modus die Rolle eines Ausführers von vordefinierten Arbeitsschritten innehat.

Der Explore-Modus hingegen sieht den Menschen als Instanz, die fähig ist, zu lernen, sich und seine Sichtweise zu verändern und unterstellt – manchmal vielleicht sogar unzulässig – intrinsische Motivation. Man kann das gut an StartUps beobachten, die für eine begrenzte Zeit vorrangig im Explore-Modus durch die Gegend galoppieren und sicher sind, dass sie die Welt verändern werden. Und sie sind gewillt, dafür viel einzusetzen, Überstunden zu machen, immer wieder von vorne anzufangen, Rückschläge einzustecken und vieles Unangenehme mehr. Nicht umsonst gilt in der Gründerszene die Redensart, dass derjenige Erfolg haben wird, der einmal mehr aufsteht als hinfällt. Im Explore-Modus, der also ständigen Versuch und Irrtum sowie das Sich-ständig-neu-Erfinden beinhaltet, ist der Mensch ein durch innere Überzeugung angetriebenes Wesen, das ähnlich wie eine Forscher zusammen an einem Problem arbeitet und es lösen will – und das Problem lautet: Wie machen wir’s? Was dafür nötig ist, dieses Problem zu lösen, wird ständig neu diskutiert und ausgehandelt und die Frage, wer qualifiziert für etwas ist (eine typische Exploit-Frage) wird meistens gar nicht erst gestellt. Derjenige, der sich gerüstet fühlt, zieht sich seine Schuhe an und stolpert los, scheitert, korrigiert den Weg und bespricht sich mit den Mitstreitern, bis das Thema erledigt ist.

Nun mag es sein, dass viele Forscher für sich alleine geforscht haben, ausprobiert haben und irgendwann zur Lösung gekommen sind – deshalb trägt diese Analogie uns nicht ganz solide. Übertragen auf den aktuellen Unternehmenskontext darf jedoch aufgrund der Komplexität der Fragestellngen getrost vermutet werden, dass „Explorieren“ eine Team-Disziplin ist und das Menschenbild – anders als im Exploit-Modus – eine soziale Komponente bekommt: Wer was erreichen will, geht am besten gemeinsam los.

Take Away Messages:

  • In beiden Modi, sowohl dem Exploit- als auch dem Explore-Modus, spielen Menschen eine zentrale Rolle.
  • Im Exploit-Modus sind die meisten Mitarbeitenden „ausführende“ Instanzen eines vordefinierten Prozesses, was mit allerlei Geknirsch einhergeht, denn Menschen wollen gern mehr sein als das Rädchen in der Maschine.
  • Im Explore-Modus werden Menschen ganzheitlicher betrachtet und aufgrund der Komplexität und Unstrukturiertheit von Fragestellungen sind sie auch in der Lage, alle möglichen Ideen, Kompetenzen und Talente einzubringen.

Zurück

Die Sie auch interessieren könnten!

Weitere Artikel