Der Lernbegriff in der Ambidextrie

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

In der Ambidextrieforschung werden zwei Gegensätze beschrieben, deren Vereinbarkeit für Unternehmen einige zu knackende Nüsse bereithält: Das eine Ende der Fahnenstange (der Explore-Modus) hilft dem Unternehmen, seine Produkte und ggf. auch sich selbst immer wieder neu zu erfinden, auf Marktanforderungen zu reagieren und die Anforderungen in innovative Lösungen zu überführen. Das andere Ende der Fahnenstange (der Exploit-Modus) sorgt dann dafür, dass das Auftreten am Markt auch professionell funktioniert: Prozesse werden geplant, eingehalten, verbessert, optimiert, Fehler ausgemerzt und das Ganze unter möglichst sparsamem Ressourcen-Einsatz. Man könnte sagen: Im einen Fall wird experimentiert, im anderen Geld verdient und für ein langfristiges Bestehen auf dem Markt braucht es beides.

Welche Rolle spielt Lernen in den beiden Modi?

Sehen wir uns zuerst den Fall des eingeschwungenen Unternehmens an. Wir können diesen Fall mit einer gut geölten Maschine vergleichen, in der jedes Rädchen – durch Ausprobieren und Lernen – an einen definierten Platz „hingeplant“ wurde. Und mit Rädchen meine ich neben der technischen Ausstattung auch das Wirken der Menschen im Gesamtgefüge: Es wird festgelegt, welche Arbeitsschritte nacheinander ausgeführt werden sollen, in welcher Geschwindigkeit und mit welcher Genauigkeit. Dieser Prozess wird wieder und wieder überdacht, es werden verschwendete Sekunden „rausgeholt“ und so Ressourcen geschont. Wir wollen an dieser Stelle nicht darüber nachdenken, ob das für den Menschen, der zum Rädchen wird, schön ist (das tun wir aber an anderer Stelle). Wir fragen uns stattdessen: Welche Rolle spielt Lernen in diesem Gefüge? Die Antwort ist einfach: Fast keine. Ein Mensch muss im Extremfall nur so viel lernen, dass er in der Lage ist, genau diese definierte Lücke, die ihm zugewiesen wurde, zu füllen. Im schlimmsten Fall muss er nicht einmal verstehen, warum das so ist, er muss es einfach nur tun. Lernen erfüllt also den Zweck, jemanden an seinem Platz zu bestimmten Tätigkeiten zu befähigen. Wenn der Platz zwischendurch mal gewechselt wird, müssen diese Tätigkeiten auch noch gelernt werden. Unter Lernen verstehen wir mittlerweile eigentlich mehr als nur eine festen Set an Regeln zu folgen – dennoch ist im Exploit-Modus ein Lernbegriff verborgen, der stark utilitaristisch ist: Was zu Befähigung dient, wird gelernt, der Rest wird weggelassen. Eine Ausnahme ist eine kleine Gruppe von Entscheidern, die sich z. B. mit KVP beschäftigen oder anderen Fachthemen wie der ergonomischen Planung von Arbeitssystemen. Hier wird das Feld wieder geöffnet, es wird Neues gelernt, angewendet, getestet und verworfen – das gilt jedoch nicht fürs ganze Unternehmen, sondern nur einzelne Personen. Ansonsten ist Lernen eine Ausnahme und Arbeiten der „Normalzustand“.

Kontrastieren wir hier gleich den anderen Modus: Im Explore-Modus ist das Lernen, weil man am Rand von Neuland steht, notwendig. Wir können uns bei Forschern, die ein bisher unbekanntes Land betreten haben, gut vorstellen, dass derjenige weiterkam, der schnell gelernt hat, welche Beeren er essen kann und welche Bären er lieber meiden sollte. Das Wissen liegt aber nicht einfach herum – es muss selbst, im härtesten Fall durch Versuch & Irrtum erarbeitet werden. In einem so unstrukturierten Gebiet (ebenso wie im Neuland) kann außer Ausprobieren oft nichts gemacht werden. Man könnte sagen: Das Arbeiten besteht aus Lernen und bevor nicht eine kritische Menge an Erkenntnissen gesammelt wurde, die man als Wahrheit vorläufig akzeptiert, gibt es nicht allzu viel zu tun.

Natürlich lässt sich das Bild vom Landetrupp auf der unbekannten Insel nicht reibungslos auf unsere Firmenrealität übertragen – deshalb ist es auch eine Analogie. Dennoch kann man sich gut vorstellen, was nach einer gewissen Zeit auf der einsamen Insel so passieren dürfte: Wenn das Ziel „Überleben“ lautet, wird z. B. zügig eine Supply Chain für Wasser festgelegt, außerdem eine geschützte Unterkunft für das nächste Unwetter und ein Experte fürs Sammeln der essbaren Beeren oder Wurzeln wird mit ernannt. Hier geht es los mit der Arbeitsteilung und diese Stelle markiert den Übergang von einem Explore- zum Exploit-Modus.

Take Away Messages:

  • In beiden Unternehmensformen wird gelernt. Es wird nur mit anderer Zielsetzung gelernt.
  • Im Exploit-Unternehmen ist man darauf bedacht, Menschen durch Lernen zum Ausführen bestimmter Tätigkeiten zu befähigen – wie eng oder locker das Korsett ist, hängt stark von der Aufgabe ab. Schließlich gibt es auch Aufgaben, die Kreativität zum Ziel haben.
  • Im Explore-Unternehmen besteht die Arbeitstätigkeit vorrangig aus Lernen – hier nicht das Übernehmen von gesichertem Wissen, sondern dem Erarbeiten dessen, was zukünftig als „Wahrheit“ gelten darf.

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