Fehlerkultur – durch die Ambidextrie-Brille betrachtet

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

In der Ambidextrieforschung werden die beiden Pole, Exploit und Explore unterschieden: Im Explore-Modus ist das Unternehmen offen für Neues, es erforscht neue Wege und Möglichkeiten und es irrt sich hier und da mal. Im Exploit-Modus werden Abläufe standardisiert und formalisiert, was zu reibungslosen Prozessen, einer ressourcenschonenden Produktion und einer (meist) guten Rendite führt. Jeder Modus hat seine Zeit und Berechtigung und jeder Modus blickt auf eine bestimmte Art und Weise auf das Unternehmen, stellt fest, was gut, schlecht, zu verfestigen oder zu verwerfen ist.

Schauen wir uns das kurz am Beispiel der berühmten „Fehlerkultur“ an und beginnen wir mit einer näheren Betrachtung des Fehlerbegriffs: Als „Fehler“ wird dabei (unzulässigerweise) erst einmal alles angesehen, was nicht so läuft wie erwartet oder gewünscht. Oft untersuchen nur die Profis etwas näher, was hinter einem Fehler steckt, denn für einen Fehler kann es eine Reihe von Gründen geben. Es kann Unwissen, mangelnde Aufmerksamkeit, unzureichende Zuarbeit, ungeklärte Zuständigkeit, ein Versagen in der Wahrnehmung, eine Verwechslung oder ein Zufall dahinterstecken.

In den beiden Modi wird mit einem Fehler in seiner allgemeinen Form verschieden umgegangen: Im Explore-Modus ist ein Fehler ein Lernanlass. Etwas hat nicht geklappt – und das ist im Explore-Modus der Normalfall – also muss noch eine Schleife gedreht werden, der Fehler untersucht, eine Alternative gesucht, getestet und im blödesten Fall noch mal verworfen werden, bis man eine funktionierende Lösung gefunden hat. Man kann das bei StartUps ganz gut beobachten: Notfalls wird alles auf links gedreht und gar nicht selten kommt etwas ganz anderes heraus als das Produkt, mit dem der Gründer eigentlich in den Ring steigen wollte. Scheitern ist am Anfang der Regelfall, dass etwas funktioniert, ist die Ausnahme und jeder Fehler ist, sodenn er ans Licht kommt und ehrlich untersucht wird, eine Rampe für konstante Verbesserung.

Im eingeschwungenen, etablierten Unternehmen, ist es anders herum: Viele Antworten sind schon gegeben, viele Fehler sind gemacht worden, viele Lösungen gefunden. Wenn nicht gerade eine komplette Neukonzeption eines Produkts ansteht, tut man gut daran, die mühsam herausgefundenen Pfade auch zu gehen – um den Preis, dass der einzelne Beteiligte weniger Freiraum zum Atmen hat, weil jemand anders vor ihm schon nachgedacht hat. Stellen wir uns eine Fertigungsstrecke vor, bei der festgelegte Arbeitsschritte nacheinander abgearbeitet werden müssen, damit in einer vordefinierten Zeit ein Produkt mit einem gewissen Qualitätsstandard entsteht, unter Verwendung vordefinierter Ressourcen. Man stelle sich vor, hier wird nun auf der individuellen Micro-Ebene einfach mal ausprobiert, was passiert, wenn statt neun nur 3 Schrauben ins Werkstück gebohrt werden, man dafür aber noch 4 weitere Schrauben verbaut an Stellen, wo keine hingehören. In diesem Fall ist ein Fehler ein zu vermeidendes Übel, weil es einen getesteten und für gut befundenen Prozess schlechter macht.

Take Away Messages:

  • Ein Fehler ist nicht gleich ein Fehler – weder in der Begründung seiner Entstehung noch in der Bewertung dessen, wie schlimm oder schädlich er ist.
  • Im Explore-Modus ist ein Fehler ein Lernanlass und sollte offen diskutiert werden.
  • Im Exploit-Modus ist ein Fehler eine Abweichung von einem Prozess, der (hoffentlich zu Recht) als sinnvoll und bewahrenswert eingerichtet wurde – ein Fehler sollte näher untersucht werden, um die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Auftretens zu reduzieren.

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