Alternative History - Mediation à la Canossa

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Was zwei sich streiten...

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Das ausgehende Mittelalter - einer der richtungsweisenden Streits nimmt seinen Lauf. Süffisant und mit alternativem Ablauf.

Teil I: Wie alles anfing

Wir befinden uns mitten in einem Bitchfight zwischen König (Heinrich IV.) und Papst (Gregor VII.), bei dem es um die Ernennung von Bischöfen und Äbten in ihre Ämter ging. Die Äbte und Bischöfe füllten gleichzeitig hohe Funktionen im Staat aus und wer sie einsetzte, hatte das Sagen. Und weil beide gerne das Sagen haben wollten, stiegen sie in die Arena. Der gewiefte Mediator würde hier schon das erste Konfliktpotenzial erkennen und zu einem klärenden Zweiergespräch einladen #Allparteilichkeit.

Schwierig an der Causa Gregor war, dass er nicht durch die vorgesehene Wahl durch Kardinäle in sein Amt gekommen war. Dies führte nicht zu allzu großer Begeisterung bei Königs und hatte etwas von unrechtmäßiger Erschleichung von Macht, so dass der Papst deshalb sogar zum Opfer eines Anschlags wurde. Papst Gregor VII hatte schon 1075 ein gerüttelt Maß an Zeit damit verbracht, auch schriftlich festzuhalten, was seiner Meinung nach so alles zu seinen Rechten und Privilegien zählte und dabei in die Vollen gegriffen #WerSchreibtDerBleibt.

Aus Hinsicht der Konfliktvermeidung ist zu sagen, dass schon hier mal schlau gewesen wäre, sich mit dem Rest der Crew abzustimmen, ob allseits die gleiche Sicht darüber herrscht, wer wann worüber die Macht haben sollte #Schnittstellendefinition

Teil II: Rüffelschweine

Angefangen hatte der ganze Kram mit der berühmten „Mailänder Angelegenheit“, bei der König Heinrich über den Papstkopf hinweg den neuen Erzbischof von Mailand ernannte/einsetzte. In Papst Gregors Tagebuch/Wunschliste war das anders vorgesehen gewesen und so wuchs sich der Konflikt zum berühmt berüchtigten Investiturstreit aus. Der König hatte eine rote Linie überschritten und Papst Gregor nutzte die Angelegenheit für einen deftigen Rüffel in Richtung des Königs #Eskalation.

Der König befand sich gerade in einem Meeting mit den deutschen Bischöfen (Reichssynode in Worms) und sah eine gute Gelegenheit, schriftlich zurückzurüffeln und den Gehorsam der deutschen Bischöfe aufzukündigen – bei jedem guten Konflikt ist es nur vernünftig, schnell möglichst viele Leute auf die eigene Seite zu ziehen. Im gleichen Zug verlangte er von Papst Gregor die Abdankung – er war ja schließlich eh nicht ordentlich durch die Kardinäle gewählt worden #ZweiFliegenMitEinerKlappe.

Seinerseits in einem Meeting mit seinen besten Freunden (römische Fastensynode) war Papst Gregor nun richtig sauer. Was in des Königs Schreiben stand, verstieß nicht nur gegen die Ideen und Vorstellungen seines göttlichen Wirkens, sondern bedrohte auch ganz real seine Macht auf Erden (eine recht weltliche Sorge für einen Papst). Er verlas das Skandalschreiben des Königs vor aller Augen und Ohren und fackelte nicht lange: Er exkommunizierte den König #EskalationDieNächste.

Teil III: Eskalation durch Exkommunikation

Die Exkommunikation war ein ziemlich harter Schlag. Sie bedeutete damals nicht nur eine spirituelle Schmach, sondern vor allem konkrete politische Handlungsunfähigkeit. Und das ging so: Einerseits war Heinrich fortan der Zugang zu allen kirchlichen Sakramenten verwehrt, also nix mit Hochzeit, Beichte oder Empfang der Kommunion. Zeitgleich löste Papst Gregor aber auch die durch die Kirche besiegelten Treueeide auf, die dem König die Treue seiner Untertanen zusicherten. So erfolgte durch die Bannung die stückweise Unterhöhlung der königlichen Macht. Man könnte sagen, wir sind mitten in einem soliden Konflikt angekommen, aus dem zwei Streitparteien kaum mehr ohne weiteres rauskommen. Lasst uns kurz die Theorie dazu anschauen: Das Konflikt-Eskalations-Modell nach Glasl stellt Konflikte in ihrem Verlauf in neun Stufen dar, wobei jeweils drei davon eine Gruppe bilden:

Win-Win

Win-Lose

Lose-Lose

In dieser Phase zeigt sich der Konflikt nicht so deutlich. Es gibt zwar Ungereimtheiten und Debatten, aber noch ist es möglich, den Konflikt z. B. mit einem Kompromiss beizulegen. In dieser Phase sind auch noch alle an einer gütlichen Einigung interessiert und eine Win-Win-Situation ist machbar.

Wenn der Konflikt in die zweite Phase eintritt, ist eine Einigung nicht mehr ohne weiteres möglich. Die Fronten verhärten sich, jede Partei sucht sich Verbündete und versucht, in Worten oder auch Taten, den anderen zu schaden. Das Ziel ist klar: Wir müssen gewinnen, und das geht, indem die anderen verlieren.

In dieser letzten Phase geht es hauptsächlich um die Vernichtung der Gegner. Dabei ist egal, was es an eigenen Opfern bedeutet – notfalls geht man gemeinsam mit den Gegnern in den Abgrund. Der eigene Schaden wird als nicht so schlimm angesehen – Hauptsache, der Schaden am Gegner ist größer.

Mit der Exkommunikation sind wir ziemlich sicher mindestens im zweiten Abschnitt angekommen – vielleicht sogar im dritten, wenn man bedenkt, dass der Papst nicht auf dem üblichen Wege durch die Kardinäle gewählt wurde und seine Macht deshalb auf leicht wackeligen Füßen stand. Auf dieser Grundlage wild in der Gegend herumzuexkommunizieren, mag auch ein gewisses Risiko gewesen sein.

Teil IV: Heinrich auf dem Weg nach Canossa

Heinrich war durch seine Exkommunikation ziemlich in die Bredouille geraten und war in der Folge von den Fürsten der Reichsversammlung dazu verdonnert worden, seinen Streit mit dem Papst gefälligst beizulegen #MediationForTheWin. Dieser war zufällig gerade auf Winterfrische in der Emilia Romagna #Parmaschinken.

Heinrich trat also die rund 1000 km lange Reise mitten im Winter an. Auf dem beschwerlichen Weg gab es Verletzte – viele Pferde sterben. Das Bild der Reisegruppe muss bei der Ankunft unschön gewesen sein und entsprach wahrscheinlich genau dem, was Papst Gregor sich an Demütigung vorgestellt hatte. Man darf jedoch nicht vergessen, dass der Ablauf eines Büßergangs zur damaligen Zeit vorher ausgehandelt und streng formalisiert war – ein gar nicht so unübliches Vorgehen.

Heinrich muss der Überlieferung nach drei Tage lang barfuß, weinend und flehend vor der Burg von Canossa im Schnee gestanden haben.

What´s Up - Variante 1

Während dieser Zeit dürfte Heinrich öfter wahlweise kalt und/oder sehr langweilig gewesen sein. Die Canossa-Burgherrin Mathilde von Tuszien war Gastgeberein dieses phänomenalen Streits. Sie hatte die nicht wahnsinnig angenehme Aufgabe, den König nebst seiner anstrengenden Reisegruppe in den Wintermonaten zu versorgen und darauf zu achten, dass das vorher ausgehandelte strikte Procedere bis zur Versöhnung eingehalten wird.

Das Gebüße wurde vom Papst und ihm gewogenen Quelle entsprechend ausgeschlachtet. Des Papstes Kumpel Lampert von Hersfeld schilderte genüsslich das erbärmliche Bild des flehenden Königs im Schnee (anbei der WhatsApp-Chat von Heinrich und Mathilde).

Papst Gregor griff zum ganz großen Besteck und schickte seine eigene Darstellung an alle Erzbischöfe, Bischöfe und sonstigen Geistlichen im Lande #CrossMediaKampagne. Am Ende wurde König Heinrich zum Papst vorgelassen und nach einer Weile Hin und Her wurde der Bann gelöst. Der Bitchfight ging jedoch noch eine ganze Zeit lang munter weiter und am Ende gab es einen wackeligen Waffenstillstand, der erst viel später richtig beigelegt werden konnte.

What´s Up - Variante 2

In der letzten Zeit hat sich eine alternative Deutung ergeben, die das ganze Gebüße in neuem Licht erscheinen lässt. Demnach ist die vermeintliche Demütigung von König Heinrich vielmehr ein geschickter Schachzug und Sieg gewesen, denn es war keineswegs im Interesse des Papstes, den Bann zu lösen. Schließlich erhielt der König damit seine Macht zurück, woran Papst Gregor nicht die Bohne interessiert war. Aber da der König nun mal publikumswirksam vor dem Burghof herumbüßte, blieb dem Papst gar nichts anderes übrig. Den Chat der beiden siehe anbei J

Diese Deutung würde übrigens auch erklären, warum der Konflikt nach dem Intermezzo in Canossa nicht erledigt war, sondern munter weiter ging. Damit stellt sich auch die Frage, ob Heinrichs Bußgang tatsächlich vorab ausgehandelt worden war oder ob Gregor von Heinrich überrascht wurde (wofür einiges spricht).

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