Mit Kafka in der ASA-Sitzung

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Arbeitsschutz während der Industrialisierung

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Die Dampfmaschine, der automatische Webstuhl und die Zergliederung der Arbeit machten quasi jeden Menschen zum potenziellen Fabrikarbeiter. Alter, Geschlecht, Ausbildung waren unwichtig. Man könnte sagen, es war eine Phase ohne jedwede Diskriminierung.

Also juhu? Nein.

Teil I: Diskriminierungsfrei schlecht

Denn ebenfalls für alle gleich waren die miesen Arbeitsbedingungen. Da keinerlei Maßnahmen zur Absicherung ergriffen wurden, waren Verletzungen und Unfälle die Regel. Eine Versicherung gab es nicht. Wen es traf, der hatte Pech gehabt. Und seine Familie auch.

Einzelne Unternehmen versuchten punktuell, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, aber von unseren heutigen Standards waren wir noch sehr weit entfernt. Immerhin: Die verrückten Vögel im preußischen Parlament fingen an, über das Verbot von Kinderarbeit bis zum 9. Lebensjahr, nachzudenken.

In Prag war inzwischen ein kluger Jurist losgezogen, um Arbeit sicherer zum machen. Wie mühsam das vonstatten ging, erzähle ich gleich. und wer das Werk von Kafka als düster empfindet, erfährt jetzt gleich, warum.

Teil II: Hier kommt der Held

Der Verwaltungsjurist Franz Kafka arbeitete seit 1908 bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt in Prag. Aufgrund seiner Kenntnisse über industrielle Produktion gehörte das Verfassen von Gebrauchsanweisungen und technischen Dokumenten zu seinen Aufgaben, was ihm anscheinend recht leicht fiel, denn er sagte darüber:

„Mein Dienst ist lächerlich und kläglich leicht. Ich weiß nicht wofür ich das Geld bekomme.“

Nach und nach begann Kafka, Vorschläge zu Unfallverhütungsvorschriften zu machen. Dies war bitter nötig, denn die Situation in dem von ihm betreuten Betrieben stellte sich seiner Beobachtung nach wie folgt dar:

„In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen – von meinen übrigen Arbeiten abgesehen – wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst.“ (F. Kafka in einem Brief an seinen Freund Max Brod.)

Teil III: Wie bestellte Kafka sein Bier?

Zu Kafkas Aufgaben gehörte vorrangig das Erstellen von Dokumenten und Berichten bzgl. Arbeitsschutz. Er interessierte sich jedoch – auch politisch motiviert – sehr für die Bedingungen der Arbeiter. Kafka steckte seine Energie und den Frust über die vielen Unfälle und Verletzungen in die Arbeit an Unfallverhütungsvorschriften und wurde (trotzdem?) relativ rasch befördert: 1910 zum Konzipisten, 1913 zum Vizesekretär, 1920 zum Sekretär, 1922 zum Obersekretär.

1910 gab es erstmals einen Text über die „Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen“. Anders als die bisherigen Texte ergänzte Kafka Zeichnungen und Illustrationen, um für Einsicht, Verständnis und Interesse sorgen (mwuahaha).

Schaut mal das Bild an…

Da fällt einem doch sofort der Witz ein, wie die Jungs aus dem Sägewerk fünf Bier bestellen. Als das alles nicht so gut klappte, dachte Kafka sicher an das Bild von der Hand ganz rechts am Rand.

Teil IV: Gegen Windmühlen - pro Asbest

Die Einstufung der Unternehmen in eine bestimmte Gefahrenklasse bestimmte den Versicherungsbeitrag –  Unternehmer sahen darin einen Eingriff in ihre Selbstbestimmung und begannen, gegen die sendungsbewusste Nervensäge zu revoltieren. Der geistig wendige Kafka verzweifelte ordentlich an den bockigen Unternehmern, die er zu allem Übel auch noch besuchen, prüfen und unterweisen musste. Sein Besuch war vermutlich ein ähnlich erfreuliches Ereignis wie heutige Kontrollrunden diverser Aufsichtsorgane. Nämlich nicht.

Während in Deutschland Berufsgenossenschaften schon an einem Erste-Hilfe-System werkelten, arbeitete Kafka die Hilflosigkeit und den Frust in seinen literarischen Texten auf und seine „sinnlose“ Arbeit in der Behörde könnte so manches Zitat inspiriert haben:

Nirgends noch hatte K. Amt und Leben so verflochten gesehen wie hier, so verflochten, dass es manchmal scheinen konnte, Amt und Leben hätten ihre Plätze gewechselt.“ (Der Process)

Ein derber Witz des Schicksals ist, dass Kafka im Asbest-Unternehmen der Familie Teilhaber wurde – damals nicht wissend, dass die Arbeit mit Asbest schwere gesundheitliche Konsequenzen hat und zu den schlimmsten Erkrankungen zählt, die man sich im Berufsleben zuziehen kann.

Teil V: Meanwhile in Germany

Kaiser Wilhelm II kann man durchaus als Fan von präventivem Arbeitsschutz bezeichnen, denn während seiner Regentschaft ging einiges vorwärts:1890 fand in Berlin die erste internationale Arbeitsschutzkonferenz statt #AplusA. Daraus ergab sich:

  • Sonntagsarbeit verboten
  • Kinderarbeit unter 13 Jahren verboten; 13-16 Jahre: max. 10 Stunden
  • Nachtarbeit verboten für Frauen und Kinder
  • erste Vorschriften zur Unfallverhütung und Etablierung eines Kontrollsystems

Mit all diesen Punkten hat sich Kaiser Wilhelm gegen einen zähneknirschenden Bismarck durchgesetzt, der das unnötig und teuer fand. Durch die Wahlerfolge der sozialistischen Arbeiterpartei motiviert zog er dann aber doch mit und bereits ab 1883 wurden Themen wie Arztbehandlung, Krankengeld, Mutterschaftsbeihilfe und Sterbegeld, medizinische Heilbehandlungen, Unfallrenten und Unfallverhütungsvorschriften gesetzlich geregelt.

Die neu gewonnene Einsicht in die Wichtigkeit dauerte konsequenterweise genau bis zum ersten Weltkrieg, in dem – genauso wie im zweiten Weltkrieg – die meisten Vorschriften außer Kraft gesetzt wurden.

 

Und die Moral von der Geschicht? Arbeitsschutz findet man wichtig - oder nicht.

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