Warum jedes Schiff einen Counselor braucht

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

#ausderZukunftlernen

Ich starte mit einem Kommentar von Gene Roddenberry, der die Rolle der Deanna Troi sinngemäß wie folgt begründet hat:

 

"It is my belief that by the 24th century mental health will be as important 

as physical health – you neead a counselor on board a ship".

 

 

 

 

 

Die Aufgaben eines Counselors

Schauen wir uns näher an, was die Aufgaben des Schiffs-Counselors bei Star Trek sind:

  • Deanna Troi ist beratend tätig. Sie wird bei Fragestellungen hinzugezogen, die die „mental health“ (wie Gene Roddenberry es nennt) der Crewmitglieder betreffen. Sie ist nicht derjenige, der die Entscheidungen unbedingt ausführt. Sie kann aber auch proaktiv tätig werden und an den entsprechenden Stellen darauf aufmerksam machen, dass sie ein Problem vermutet und eine Hilfestellung vorschlagen.
  • Konkret heißt das: Sie hilft, eine Lage zu beurteilen; sie sortiert (z. B. Ursache und Wirkung); sie zeigt verschiedene Blickwinkel auf einen Sachverhalt auf; sie generiert Hypothesen zu komplexen Situationen und gibt daraus abgeleitet, wo möglich Empfehlungen für Entscheidungen ab (z. B.: Warum ist das Volk der Borg so gemein und wie gehen wir mit einem vom Kollektiv abgelösten Einzel-Verirrungs-Borg um?).
  • Wenn mögliche Lösungen das Einbeziehen eines anderen Spezialisten erfordern, empfiehlt sie das und erfüllt somit eine Art Lotsen-Funktion: So schickt Deanna Troi auch mal Menschen zum Schiffsarzt und Dr. Beverley Crusher kümmert sich dann drum. Da, wo Dr. Crusher übrigens Probleme mit ihrem anstrengenden Sohnemann hat, hilft Troi auch weiter – Pubertät ist halt einfach gemein.
  • In einem definierten Rahmen kann sie selbst tätig werden, das heißt: Crew-Mitglieder können sich mit Themen und Problemen melden, dann wird sie zu einer Art Coach, schlichtet Konflikte und schlägt Maßnahmen vor. Dabei begleitet sie das Crew-Mitglied so lange, bis eine Besserung in Sicht ist.
Grundannahmen für das Berufsbild "Counselor"

Welche Grundannahmen liegen diesem „Berufsbild“ zugrunde?

  • Die menschliche Psyche ist komplex genug, dass es zur Beurteilung ab und zu mal eine professionelle Sicht benötigt, weil ein Fachexperte aus einem anderen Bereich (sagen wir mal Warp-Antrieb) sich mit dem Warp-Antrieb auskennt, aber nicht mit der menschlichen Psyche.
  • Menschen können Probleme haben, mit denen sie nicht alleine klarkommen. Ist ja in der Medizin auch nicht anders. Da gibt’s Dinge, die kann man selbst kurieren (Pickel), da gibt’s aber auch Dinge, da lässt man den Profi ran (Wurzelbehandlung bei Zahnarzt).
  • Es fällt Menschen (je nach Thema) schwer, sich selbst Probleme einzugestehen und Hilfe zu suchen. Der Counselor ist „part of the crew“, damit immer in Griffweite und es benötigt kaum Anlauf oder Überwindung, um sie/ihn zu kontaktieren – was normalerweise vielleicht der Fall wäre.
  • Der Arbeitskontext produziert Probleme – im Einzelnen, aber auch im Team, für die Entscheider und externe Beteiligte. Einfach, weil der Mensch so defizitär ist in seiner Wahrnehmung, in Kommunikation, in seinen Interessen und Motiven.
Nutzen & Probleme

Der Nutzen liegt auf der Hand: Entscheider werden entlastet, da eine weitere Sichtweise eine Entscheidung absichert. Und: Das Angebot ist vorhanden und bei guter Ausgestaltung niedrigschwellig.

Das wäre kein guter Artikel, wenn wir nicht auch über Probleme und Grenzen sprechen würden – wir zwei, Du und ich:

  • Wenn man für die Crew da ist, ist man auch Teil der Crew. Das gilt auf der Enterprise wortwörtlich, denn da außenrum sind ein paar Asteroiden, vielleicht ein paar vergammelte Raumsonden und viel Nichts. Ein Unternehmen pflegt vielfältige Verbindungen zur Umwelt und die Abgrenzung, wer „part of the system“ ist und wer nicht, ist gar nicht so einfach. Die Frage der Abgrenzung stellt sich.
  • Die Übergänge zu anderen Professionen sind schleichend, im Arbeitskontext scheint besonders in Richtung Medizin eine starke Schnittstelle zu bestehen, die definiert werden muss – gilt aber auch für therapeutische Angebote.
  • Die Psychologie allgemein, die Arbeits- und Organisationspsychologie im Besonderen, ist mit einem Gebiet befasst, das sehr vielfältig ist, wo es wenig feststehende Regeln und viel Handlungsfreiraum gibt, der bespielt werden will. Ein Profi kann diesen Freiraum zu seinen Gunsten nutzen und sehr individuell auf Person und Thema eingehen – ein Nicht-Profi kann großen Schaden anrichten. Und von außen kann man das eine vom anderen schwer unterscheiden. Das Problem der Qualitätsüberprüfung besteht und kann eigentlich nur durch eine strenge „Zutrittskontrolle“ und ein sauber definiertes Berufsbild mit einigen Regeln organisiert werden.
  • Direkt an den letzten Punkt angedockt: Es besteht die Gefahr, dass dieser Tätigkeitsbereich, wie alle, zu Tode bürokratisiert wird, weil es sich in Prozesse und Zeiten und Kosten einfügen muss. Dafür habe ich keine gute Lösung. Es wird sie aber geben, irgendwo da draußen, hinter Ba’ku (übrigens mein Lieblingsplanet – wen’s interessiert).
Mein Vorschlag für das Berufsbild

Ein erster Vorschlag für das Berufsbild des Counselors:

 

  • Allein die Begrifflichkeit Psychologin/Psychologe ruft – glauben Sie mir bitte! – immer noch eine Abwehrreaktion aus, die sich im Satz „ich bin doch nicht  verrückt!“ manifestiert. Deswegen würde ich beim (übrigens geschlechtsneutralen) Begriff „Counselor“ bleiben.
  • Die Hauptverantwortung des Counselors besteht in der „Systediagnose“: Feststellen, was ist bzw. was alles sein könnte, und das der fragenden Person mitteilen – oder es ihr ungefragt mitteilen, weil man ein Problem erkannt hat.
  • Der Counselor greift, auch wenn das nicht der häufigste Fall sein dürfte, in Extremsituationen ein und unterstützt.
  • Der Counselor ist zu Verschwiegenheit verpflichtet (analog Arzt).
  • Der Counselor besitzt die Fähigkeit zum interdisziplinären Arbeiten.
  • Der Counselor kann seinen eigenen Gedankenprozess mit Abstand reflektieren, transparent offenlegen, auch die Generierung von Hypothesen kommunizieren – dabei Beschreibung und Wertung trennen.
  • Nach der Ausbildung (Psychologie-Studium, ggf. mit Schwerpunkt) können verschiedenen Zusatzausbildungen folgen, die dann ggf. auch den Einsatz in weiteren Arbeitsgebieten ermöglichen, beispielsweise im Bereich Konflikte & Krisen-Intervention (z. B. durch Mediations-Ausbildung). Die Expertise des Counselors kann z. B. auch in Fragen von Sales & Marketing und selbstverständlich bei der Professionalisierung von Führungshandeln wertvoll sein oder z. B. beim Betreuen von Projekt-Teams in schwierigen Phasen. Da sind die Möglichkeiten groß – man sollte aber vermeiden, dass diese „Zusatzfunktionen“ den Schwerpunkt bilden und so ein bisschen Counseling wird halt dann auch noch mit erledigt. Wir sind ja hier nicht bei den Ferengi.

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