Ambidextrie guckt auf „das haben wir schon immer so gemacht“ und sagt…

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Tja, was sagt die Ambidextrie mit ihren zwei Händen denn dazu wohl… ? Ich will mal diesen Satz „das haben wir schon immer so gemacht“ etwas näher begucken: Zuerst ist es wohl ein Bullshit Bingo- Satz, der mittlerweile auf diversen Vordrucken im Internet zu finden ist. Der Satz ist verpönt, weil er ausdrückt, dass Dinge unveränderlich sind, dass sie gut sind (oder wohl gut sein müssen, sonst wären sie ja nicht so – auch wenn man nicht genau weiß, warum das so ist). Ist das ein gültiges Argument für eine Sache, dass sie schon immer so war? Man kann schnell auf den Gedanken kommen, dass es sich wohl um eine Sichtweise, ein Vorgehen oder ein Werkzeug handeln muss, das sich bewährt hat. Und daran ist auch überhaupt nichts auszusetzen. Dinge, die sich bewährt haben, sollte man gut finden. Die Ambidextrie sagt: Von den beiden zur Verfügung stehenden Modi für ein Unternehmen sind wir hier im Explore-Modus. Was ist schlecht daran?

Wenn eine Veränderung, eine neue Herausforderung, ein offenes, unstrukturiertes Problem daherkommt – woher weiß ich dann, dass diese bewährte Lösung ich auch im neuen Feld bewähren wird? Natürlich kann man mit Wahrscheinlichkeiten, mit MGM (Methode gesunder Menschenverstand) und Erfahrungswissen argumentieren und je bekannter und besser begutachtet das Problem ist, umso besser kann man abschätzen, ob die bewährte Lösung für ein neues Problem gut sein wird.

Was ist jedoch, wenn ein Problem die Gestalt hat, die Wittgenstein ihr gegeben hat und die heißt: „Ich kenne mich nicht aus?“ Wittgenstein hat damit zwar philosophische Probleme gemeint, der Grundgedanke ist jedoch trotzdem gültig: Was ist, wenn ich ein Thema habe, das ich nicht zu fassen bekomme, wo ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, weil es nicht mal ein Problem gibt, sondern wo ich „irgendwie dran muss“, ohne dass ich genau formulieren könnte, wer, wie, was, wann, wo und im schlimmsten Fall: warum.

Als Beispiel kann die Digitalisierung dienen, die über uns alle aufgrund rasender technischer Fortschritte hereingebrochen ist. Wir sprechen von digitaler Disruption, von digitalen Geschäftsmodellen, von der Immaterialisierung der Welt durch das Auflösen des Dinglichen. Das ist per se kein definiertes Problem, das behoben werden muss. Es stellt jedoch eine Herausforderung dar, mit der sich Unternehmen befassen müssen und wo die Frage, wie man es bisher denn so gemacht hat, nicht weiterhilft (denn man hat damit bisher gar nichts gemacht). Für ganz neue Probleme ist das „Ausruhen“ auf dem Bekannten, Bewährten und Etablierten ab einem gewissen Grad gefährlich und die Gefahrenlage verschärft sich, wenn andere Unternehmen sich kopfüber in ein neues Thema stürzen und man selbst im bekannten Fahrwasser bleiben will.

Zusammenfassend würde die Ambidextrie wohl sagen: Es ist gut, dass man nicht Bekanntes und Bewährtes einfach aufgeben will, nur weil kritisch darauf geschaut wird. Man prüfe jedoch genau, ob nicht in der Aufgabe des Bekannten und Bewährten die Chance auf eine Neuentwicklung liegt, die mitgegangen werden soll oder gar muss. Die Kunst liegt in der Unterscheidung.

Take Away Messages:

  • Das Festhalten am Bekannten, Bewährten und Etablierten ist sinnvoll.
  • Die Frage, ob eine bisher bekannte Lösung beibehalten oder verworfen werden soll, ist schwer zu entscheiden. Im schlimmsten Fall wird eine gute Lösung verworfen, obwohl eine bessere weit und breit nicht in Sicht ist.
  • Auf der anderen Seite wird durch das „Beharren ohne Not“ möglicherweise die Chance verpasst, sich neuen Themen zu öffnen und sich weiterzuentwickeln.

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