Balkrishna Dubey über Stromausfall im Silicon Valley, reverse colonialism und Bollywood

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Vorstellung

Herzlich willkommen im Wechselblog - mit wem habe ich heute das Vergnügen und die Ehre?

Mein Name ist Balkrishna Dubey, ich bin Sales Director in einem globalen IT-Unternehmen, dessen Mitarbeiter mehrheitlich in Indien sitzen. Ich lebe seit zwölf Jahren in Deutschland. In der Familie habe ich immer wieder Stichworte gehört, für die man Deutschland schätzt: Technologie, tolle Autos, gute Qualität. Das hat den Anstoß dafür gegeben, dass ich die deutsche Sprache studiert habe und dann war es nur folgerichtig, dass ich dann auch nach Deutschland gekommen bin zum Arbeiten.

"reverse colonialism"

Ich will gleich mal beginnen, alle Klischees auf den Tisch zu legen, dann haben wir es hinter uns: Indien, Bollywood, IT-Branche – warum ist Indien der IT-Standort geworden, der er heute ist?

Da gibt es mehrere Einflussfaktoren: Eine junge und wissensdurstige Bevölkerung (60% der Leute sind unter 30), die Zeitverschiebung (die für ausländische Unternehmen eine Verlängerung der produktiven Arbeitszeit mit sich bringt), günstige Standortbedingungen und Englisch, geschichtlich bedingt, als Landessprache[1].

Aber es rockt ja nicht nur in Indien selbst – viele CEOs internationaler Konzerne sind Inder. Wie das?

Wir nennen das mit zwinkerndem Auge „reverse colonialism“. Meine Theorie dazu: Viele indische CEOs kommen aus der Mittelschicht, in der es in Indien viele Probleme gibt. Sie haben also von klein auf gelernt, mit knappen Ressourcen (z. B. ständiger Stromausfall), Chaos und Konflikten in einer komplexen Welt umzugehen. Anscheinend macht das fit für Handeln in einer globalisierten Welt.

Das indische Bildungssystem

Noch mal zur indischen Jugend: Nur jung und viele reicht ja nicht. Welche Fortschritte wurden in den letzten Jahren im indischen Bildungssystem gemacht?

Mit seinen mehr als 1,4 Millionen staatlich anerkannten Schulen, etwa 33.000 Colleges und 659 Universitäten ist das indische Bildungssystem heute eines der größten weltweit. Das Bildungssystem ist angesichts dieser vielen Menschen chronisch unterfinanziert, Mädchen haben immer noch eine schlechtere Prognose in Bezug auf Schulerfolg und es steigen viel zu viele Kinder nach den ersten Schuljahren ohne Abschluss aus.

Die Regierung versucht, diesen Problemen zu begegnen: Es gab eine wie ich finde beachtliche Steigerung der Alphabetisierung von ca. 18% (im Jahr 1951) auf 73% im Jahr 2011. Dennoch ist noch viel zu tun. Am Stellenwert der Bildung liegt es auf jeden Fall nicht: Indische Eltern animieren ihre Kinder, Akademikerberufe zu ergreifen – denn Bildung wird als der einzige Weg angesehen, um im Leben voranzukommen. Das gilt zumindest in jenen Bereichen, wo die Kinder nicht als Arbeitskräfte mit anpacken müssen.

Viele Menschen engagieren sich auch privat für die Bildung von Kindern, es gibt viele lokale Initiativen und Aktionen. Ich unterstütze z. B. ein Projekt aus meinem Heimatort und finanziere 15 Kindern das Schulmaterial. Meine Mutter – sie ist leider schon gestorben – war Lehrerin und ich habe das Gefühl, ich kann etwas Gutes in ihrem Sinn tun.

Wo wir grade dabei sind, konkret etwas zu tun: Ich unterrichte an der Uni Freiburg „Internationale Bildungssysteme“ für das Gymnasiallehramt – kommen Sie zu mir in den Unterricht und erzählen uns etwas über Indien?

Klar, gerne. Kommen Sie dann auch mal zu mir in meine Schule? Die Kinder würden sich freuen, da bin ich ganz sicher!

Die Anreise ist ein wenig weiter und ich fliege doch so ungern…

Dann fliegen Sie halt ungern, aber fliegen Sie! Aber buchen Sie gleich ein Ticket zurück – es gab in unserer Geschichte Fälle, wo die Besucher länger geblieben sind als geplant :-)

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung

Na gut – ich überwinde mich! Wir berichten… Zurück zu aktuellen Themen: Was passiert grade zum Thema künstliche Intelligenz in Ihrer Umgebung?

Was Indien angeht, kann ich mit einigem Stolz berichten, dass unser Premierminister ein Programm mit dem Titel „Digital India“ aufgelegt hat. Das Ziel des Programms ist es, die gesamte Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft auf das Zeitalter des Wissens und der Digitalisierung vorzubereiten. KI ist nur ein Teil davon, der aber auch stark von ansässigen Firmen getrieben wird – mehrere tausend KI-Experten werden derzeit trainiert. Schon jetzt hat Indien 3 Mio. IT-Experten in allen möglichen Technologien, z.B in Big Data/ Analytics, IoT, mobile Technologien, Cloud, Automation, Machine Learning etc. Damit sollten wir hoffentlich für alles, was kommt, ganz gut aufgestellt sein.

Holla – und bei uns gibt es immer noch viele Gegenden, in denen man nicht mal mobiles Internet hat (wer gelegentlich im IC zwischen Karlsruhe und Nürnberg pendelt, weiß, wovon ich spreche…). Ist also das Rennen schon gelaufen, welche Nation hier an der Spitze stehen wird?

Nein, aber wir sind mittendrin und das gemeinsame Arbeiten an diesen Themen, auch länderübegreifend, dürfte großartige Ergebnisse zeitigen.

Jetzt bin ich überrascht. Was fehlt Indien, damit Sie die letzte Frage mit einem beherzten JA! beantwortet hätten?

Indien hat mittlerweile wahnsinnig viel Technologie-Know-How angesammelt. Die technische Seite umzusetzen ist also für uns keine große Schwierigkeit. Woran es uns fehlt, ist die Erfahrung, Technologie mit Business zu „verheiraten“ und ein funktionsfähiges, großes Ganzes draus zu machen. Andere Länder haben in vielen Bereichen viel ältere, ausgereiftere Branchen und Wirtschaftsbereiche. Da fehlt Indien einfach einiges, z. B. in der Produktion und vor allem im Mittelstand.

"Typisch Deutschland" und Bollywood

Der starke Mittelstand ist ja „typisch Deutschland“. Wo wir grade bei dabei sind: Was haben Sie in Deutschland schätzen gelernt?

Das mag etwas geölt klingen, aber: Disziplin, Wertschätzung der Gesetze und eine positive Einstellung zur Arbeit. In Indien gibt es weniger Wertschätzung für z. B. handwerkliche Tätigkeiten, wie die Fertigung eines Tischs. Da rächt sich das Streben nach dem Akademikerdasein. Im Vergleich zu Deutschland gibt es auch weniger Respekt für Kunst, Musik, Sport (ja, außer Cricket) und die Schauspielkunst…

Moment! Ihnen muss klar sein, dass ich jetzt eine Bollywood-Frage stellen muss.

Ja, hab ich vermutet… raus damit!

Ok, hier kommt sie: Was soll das? Was ist der Witz, warum gibt es das, was ist der Kern dieser Filme? Ich versteh's nicht...

Gegenfrage: Was ist der Witz an Rosamunde-Pilcher-Filmen? Da wird ja nicht mal gesungen!

Ich würde sagen: Da werden überschaubare familiäre Themen behandelt, mit viel Drama und dem ganz großen Karton an Gefühlen – insgesamt einfach eine Rechtfertigung, um zur Pralinenschachtel zu greifen.

Das ist Bollywood auch. Aber natürlich mit Gesang, sonst ist es keine Unterhaltung. Menschen, die einfach nur reden, hab ich in meiner Familie auch, dafür muss man keinen Film sehen...

Aber in Wahrheit kommt Bollywood (und auch unserem Nationalsport Cricket) eine wichtige Rolle zu: Es sind die beiden Dinge, die unsere sehr heterogene und komplexe Gesellschaft einen. Die neue Generation von Bollywood-Filmen nimmt sich übrigens durchaus kritisch der gesellschaftlichen Realität an: Es werden Themen wie Drogen, Selbstmode, Korruption in der Politik, der Umgang mit Frauen, Menschenrechtsthemen und viele mehr behandelt.

Was ist für Sie typisch deutsch, und was vermissen Sie, wenn Sie mal längere Zeit „zuhause“ in Indien sind?

Typisch deutsch sind für mich Weihnachtsmärkte, Brezeln oder überhaupt diese Vielfalt an Backwaren. Der Respekt für die Umwelt und die Wertschätzung dafür in der Öffentlichkeit (frische Luft!), Sauberkeit, Mülltrennung.

Wenn ich in Indien bin, vermisse ich das deutsche Bier. Es gibt zwar indisches Bier, aber in Deutschland gibt es eine so große Vielfalt davon.

Darauf ein Tannenzäpfle. Prost! Und vielen Dank.

Danke.

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