Die Unmöglichkeit der Lernenden Organisation

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Nachdem wir uns kürzlich auf ein paar Definitionsversuche eingelassen haben, was eine „Organisationslernen“ ist, komme ich nun mit der großen Überraschung um die Ecke: Es gibt sie gar nicht. So etwas wie Organisationslernen oder eine lernende Organisation ist ein Widerspruch in sich.

Sagt wer? Zwei Forscher, Weick & Westley (Quelle s. u.):

Organizing and learning are essentially antithetical processes, which means the phrase ‘organizational learning’ qualifies as an oxymoron. To learn is to disorganize and increase variety. To organize is to forget and reduce variety. In the rush to embrace learning, organizational theorists often overlook this tension, which explains why they are never sure whether learning is something new or simply warmed-over organizational change. Either way, the reluctance to grapple with the antithesis has led to derivative ideas and unrealized potential.

Wow. Was heißt das? Es heißt, dass es eigentlich nicht im Wesen eines Unternehmens im klassischen Sinn angelegt ist, zu lernen. Denn ein Unternehmen kommt dann seinem Zweck, etwa herzustellen und zu verkaufen, besser nach, wenn es im Exploit-Modus handelt, also: schnell und schlank das Produkt herstellt, Verschwendung vermeidet und sich möglichst wenig irrt oder Fehler macht. Dann ist es gut als Organisation bzw. im „Organisieren“.

Lernen im Gegensatz dazu ist ein Prozess, der gänzlich anders funktioniert. Lernen bedeutet ausprobieren, Hypothesen testen, sich irren, aus Fehlern seine Schlüsse ziehen, verschiedene Disziplinen und Sichtweisen einzubeziehen, zu diskutieren, abzuwägen und Kompromisse zu machen. Dann ist das Unternehmen gut im „Lernen“.

Somit ist eine Organisationslernen, wie die Autoren sagen, ein Oxymoron, was eigentlich die Bezeichnung für ein sprachliches Stilmittel wie z. B. „alter Knabe“ oder „beredtes Schweigen“ ist. Die Autoren sehen die beiden Grundbegriffe, nämlich Lernen und Organisation/organisieren als so widersprüchlich an, dass man wohl kaum beide gleichermaßen intensiv verfolgen kann.

Take Away Messages:

  • Lernen und Organisieren können als widersprüchlich in ihren Routinen und ihrer Zielsetzung angesehen werden.
  • Deshalb kann man Unternehmen unterstellen, dass sie Schwierigkeiten damit haben, beides gleichermaßen intensiv und erfolgreich zu betreiben, obwohl beides für das Fortbestehen des Unternehmens essentiell ist.
  • Das Spannungsfeld, das sich zwischen beiden Modi auftut, ist Anlass für Kopfzerbrechen.

 

Quelle: Weick, K. E. & Westley, F. (1999). Organizational Learning: Affirming an Oxymoron. In S. R. Clegg, C. Hardy & W. R. Nord (Hrsg.), Managing Organizations: Current Issues (Teil 2, S. 190-208). SAGE Publications.

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