Interview mit Carolin D. Töpfer über Digitalisierung, Schattenarbeit und Ratlosigkeit beim Möbelkauf

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Vorstellung

Da sitzen wir zwei Töpfer-Ladies also. Was müssen wir über dich wissen?

Ich bin Expertin für Datenschutz & IT Sicherheit. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf Daten-Strategien, Datenschutz & IT-Sicherheit sowie der Vermittlung Digitaler Fähigkeiten - mehr über mich gerne auf meiner Website!

Was ist Digitalisierung?

Alles klar, dann lass uns anfangen! Digitalisierung – das ist also der neue heiße Scheiß. Wie erklärst du das alles meinem 5-jährigen Patenkind in wenigen Sätzen?

In seinem Geschichts-E-Book der Oberstufe wird ungefähr stehen: „Digitalisierung: Wenn analoge Dinge und Prozesse umgewandelt und so für Computer nutzbar gemacht werden, sprechen wir von Digitalisierung. Zum Beispiel, wenn ein Dokument zur weiteren Bearbeitung eingescannt wird. Beruhend auf dieser Grundlage hat sich der Begriff Anfang des 21. Jahrhunderts zur Bezeichnung für die zunehmende Nutzung von Computern im Alltag entwickelt, die mit der zunehmenden Digitalisierung von Produkten, Services und Prozessen einherging. Heute ist die Digitalisierung ein so selbstverständlicher Teil unseres Alltags, dass wir es uns kaum mehr anders vorstellen können.“

Aber was ist jetzt mit dem 5-jährigen Neffen? Müssen wir dem beibringen, dass die Welt nichts mehr zum „Anfassen“ ist?

Wahrscheinlich werden die Kids das von ganz alleine merken und wir müssen sie eher daran erinnern, dass man die Welt doch auch noch anfassen kann. Aber da mache ich mir keine Sorgen. Denn neben dem Technik-Kinderspielzeug gibt es ja auch noch die altbewährten Dinge wie Holzspielzeug, Puppen und Murmelbahnen. Spannend wird dann werden, inwieweit Schulen und andere Ausbildungsstätten die entsprechenden Fähigkeiten vermitteln, die Heranwachsende in beiden Welten brauchen.

Schattenarbeit

Längst haben wir uns daran gewöhnt unsere Autos selber zu betanken und unsere Möbel selbst zusammenzubauen. Dank Digitalisierung suchen wir mittlerweile unsere Flüge selber und können sämtliche Bankbewegungen online koordinieren. Wunderschön, aber eine Entwicklung, die Zeit bindet und Service scheinbar überflüssig macht – Service, der gerade hierzulande sowieso nur ungern bezahlt wird. Diese Entwicklung hat den Namen „Schattenarbeit“ erhalten. Schattenarbeit wird uns als Vorteil verkauft wird, kostet jedoch unsere persönliche Zeit und frisst letztendlich Arbeitsplätze. Was sagst du dazu?

Vielleicht müssen wir da in Deutschland einfach umdenken und häufiger bereit sein, für Arbeit zu bezahlen. Ich bin ganz generell ein Freund davon, Aufgaben an Experten zu vergeben, die entsprechende Fähigkeiten und eben die Zeit mitbringen. Meine Tage haben ja auch nur 24 Stunden.

Gleichzeitig bekomme ich als IT Sicherheits-Expertin ja auch regelmäßig Fälle vorgelegt, wo diese Schattenarbeit im digitalen Bereich extrem schiefgelaufen ist. Wer noch nie eine IT Infrastruktur, eine Website oder ein Smart Home eingerichtet und abgesichert hat, sollte es vielleicht lieber Fachkräften überlassen und eben entsprechend dafür bezahlen. Das ist im Endeffekt dann günstiger.

Persönlich finde ich ja die Arten von Online-Schattenarbeit auch nicht schlimm. Aber ich bin auch ein Zappelphilipp und mache gerne 5 Dinge gleichzeitig. Da buch ich Flüge mal eben, während ich Netflix schaue und online shoppe. Viel schlimmer wäre für mich, dafür tatsächlich noch in ein Reisebüro zu gehen oder jemanden anzurufen.

Auswirkungen der Digitalisierung auf Lernen

Um einen Flug zu buchen, Kleidung zu shoppen oder Filme zu sehen (wir erinnern uns, im Kino ging das auch mal!) brauche ich aber keinen Experten – früher haben das aber mal Arbeitskräfte im Reisebüro, im Kleidergeschäft oder im Kino gemacht. Die werden dadurch überflüssig und die Menschen, die gern dafür mehr bezahlen, sind wahrscheinlich in der Unterzahl mittlerweile. Das mag alles persönlich funktionieren, globalgalaktisch entsteht da aber in erster Linie ein Riesenschaden, oder?

Jein. Im Bereich einfacher Arbeiten fallen zwar Arbeitsplätze weg. Anders sieht es aber zum Beispiel im Premium Service und bei besonderen Geschäftsmodellen aus. Als ich letztens im IMAX Kino war, war der Zuschauerraum fast bis auf den letzten Platz besetzt. Das kann man Zuhause schwer nachmachen. Und natürlich braucht es auch erfahrene Experten, die digitale Geschäftsmodelle für die Reise- oder Filmbranche und den Einzelhandel entwickeln. Nur eins ist klar: Wer in der digitalen Welt bestehen will, muss sich stetig verändern. Das gilt für Unternehmen, aber auch für jeden Einzelnen. Jeder sollte Wert auf die eigene stetige Weiterbildung legen und das nicht als Zeitverschwendung abtun.

Ok - wir lernen. Einverstanden! Flugsimulatoren gibt es bereits seit längerer Zeit. Auch im Militär sowie der Medizin sind Simulationen im Einsatz. Sind Gamification, Edutainment und VR die neuen Herangehensweisen, um dem ins Stocken geratenen E-Learning-Sektor zum Durchbruch zu verhelfen?

Virtual Reality und Augmented Reality Kurse unterscheiden sich vom bisher bekannten E-Learning. Sie können vielleicht einmal ein Teil davon sein, wenn die technische Implementierung in das Gesamt-Curriculum flüssiger wird. Aber egal ob Lernplattform, Video-Kurse oder Virtual Reality: Für viele Menschen ist das Hauptproblem beim Lernen die Disziplin. Sich nach der Arbeit noch einmal aufzuraffen, fällt eben vielen schwer. Gamification und Edutainment können helfen, es ein bisschen leichter zu machen. Ich habe mir deshalb vor allem Gedanken gemacht, wo man Leerzeiten mit Lernen füllen kann. Etwa an der Haltestelle, wenn 5 Minuten Zeit sind bis der Zug kommt oder auf Reisen. Und dann forschen wir natürlich fleißig daran, dass die Kurse spannend sind und eine tolle Nutzerakzeptanz haben. Wir ziehen quasi mit Zukunftstechnologien in den Kampf gegen den Schweinehund.

Weiß der Mensch nicht trotz allem noch, dass es „nicht echt“ ist?

Dem Phänomen bin ich im Rahmen meines Virtual Reality Projekts gerade auf der Spur. Da gibt es verschiedene Ansichten. Es könnte vermutlich an so etwas wie einer visuellen Intelligenz liegen, dass manche Menschen sich leichter in Virtual Reality einfinden und andere mehr Akzeptanz-Probleme haben. So wie es auch Menschen gibt, die Raummaße schon beim Betreten eines neuen Ortes erfassen können und andere, die ratlos im Möbelhaus stehen, weil sie nicht wissen, ob das neue Sofa tatsächlich in die dafür vorgesehene Ecke passen würde.

Wüsste ich auch nicht – aber wahrscheinlich gibt e auch dafür eine App…Wo liegen die Grenzen digitaler (Aus-/Weiter-) Bildung? Du hast sowohl an der LMU studiert, als auch Informatik an der FernUni Hagen. Informatik ist vielleicht ein dankbares Fach, um es online zu studieren. Was hast du am „Live-Setting“ der LMU geschätzt und ggf. an der FernUni vermisst? Ist das Lernen „alleine“ nur eine Frage des Willens und der Disziplin?

Ich glaube die Kombination von Präsenz-Uni und Online-Kursen wäre die beste Lösung. Für das Erststudium würde ich niemandem ein reines Online-Studium empfehlen. Gerade die persönliche Interaktion mit Professoren und Mit-Studenten sowie der Besuch von verschiedenen Veranstaltungen an der Uni, hat mein Studium sehr spannend gemacht und bereichert. Und für einen Politikwissenschaftler ist es ja auch wichtig zu lernen, vor größeren Gruppen zu sprechen und Diskussionen zu führen. Für mein Zweitstudium greife ich tatsächlich gerne auf die postalisch versandten Kurshefte zurück, da die Online-Plattform eher ein technisches Chaos ist als wirklich attraktiv. Da sind andere E-Learning Anbieter schon viel weiter.

Wille und Disziplin sind ja eine sehr persönliche Sache. Ich hatte mich während meines Politikstudiums bereits an der TU München für den technisch orientierten BWL-Bachelor als Zweitstudium beworben. Das hat damals leider nicht geklappt, aber seitdem habe ich mit dem Gedanken gespielt, noch etwas Technisches zu studieren. Da ich ja nun aber bereits ein Diplom und auch ein paar Nachweise für meine technischen Fähigkeiten erworben habe, bin ich nicht mehr so streng mit mir, was die Studiendauer angeht.

Analoge Prozesse vs. Digitalisierung

Ich habe oft und viel den Satz gehört „hast Du einen miesen Prozess und digitalisierst ihn, dann hast Du eben einen digitalen miesen Prozess“. Gerne wird also versucht, minderwertige analoge Prozesse mittels Digitalisierung aufzuwerten bzw. abzubilden, was gar nicht abbildenswert ist, weil es nicht zur Wertschöpfung beiträgt. Wie schützen wir uns davor?

Ich habe dafür ein super Worst-Case-Beispiel: 48 Stunden Genehmigungs-Prozess für einen Post auf Twitter (Tweet), was sich ja mit der Schnelllebigkeit der digitalen Kommunikations-Plattform gar nicht vereinbaren lässt. Und dann meldet sich doch tatsächlich eine Dame aus dem Publikum und merkt an „2 Tage wären ja noch gut, bei uns im Unternehmen brauchen wir dafür 10.“ Momentan sehe ich viele Unternehmen, die eine Digitalisierungs-Strategie nur zur Hälfte denken. Auch, weil sie die notwendigen Techniker nicht im Haus haben. Es macht einen Unterschied, ob sich ein Wirtschaftswissenschaftler oder ein Jurist daranmacht, digitale Prozesse zu gestalten – oder ob es eben jemand macht, der Prozesse aus der Datenperspektive denken kann.

Was sieht der denn zuerst, der „aus der Datenperspektive denken kann“? Wo guckt er zuerst hin, wo danach? Was sind seine Entscheidungs- oder Gütekriterien?

Derjenige oder diejenige, die aus der Datenperspektive denkt, sieht zunächst einmal viele Insellösungen und Baustellen. Datenlösungen funktionieren nur gut, wenn es eine einheitliche und gut gepflegte Datenbasis und für diese Daten entsprechende Validierungspunkte gibt, diese also immer wieder aktualisiert und abgeglichen werden können. Das ist auf der technischen Seite recht komplex, führt aber zu einer ungebrochenen und sehr attraktiven Nutzer-Experience. Dann kommt es dem Nutzer quasi vor wir Zauberei.

Endgegnerfrage: Wer soll sich an wen anpassen? Der Mensch an die Technik oder die Technik an den Mensch?

Der Mensch, der die Maschine entwirft und programmiert, sollte vorab mit den Menschen sprechen, die am Ende die Maschine und das Netzwerk dahinter nutzen. Dann klappt später auch die Zusammenarbeit. Theoretisch Schöne-Neue-Technikwelt spielen und nicht auf die Nutzer-Akzeptanz achten klappt nie. Allerdings vergessen Unternehmen häufig auch, alle Mitarbeiter regelmäßig weiterzubilden. Und dafür kann die Maschine nun wirklich nichts.

Vielen Dank - es war mir ein Blümchenpflücken!

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