Interview mit GERT - einem beleidigten Altersanzug über das Älterwerden, schöner Wohnen und Rente mit x Jahren

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

Da uns immer mal wieder Fragen erreichen, was wir denn mit unserem Alterssimulationsanzug (GerT) so treiben, haben wir beschlossen, unseren „Kollegen GerT“ selbst zu Wort kommen und ihn berichten zu lassen, was er bei und für uns eigentlich tut. Das folgende Interview enthält somit Fachwissen UND schlecht getarnte Werbung.

Vorstellung

Mit wem habe ich heute die Ehre und das Vergnügen?

Frag nicht so doof – ich wohne bei Euch seit Jahren in einem Koffer. Nicht besonders mitarbeiterfreundlich übrigens. Ich denke drüber nach, mit mir selbst einen Betriebsrat zu gründen…

OK, tut mir Leid. Erzähl uns kurz, was Deine Aufgaben sind. Bitte.

Na schön. Ich bin ein Alterssimulationsanzug. Man zieht mich an und ist im Vergleich zum jetzigen biologischen Alter (nicht kalendarischen) ca. 25 Jahre älter. Das heißt, man setzt eine Brille auf, die die mit dem Alter fortschreitende Trübung der Augenlinse simuliert (und eine Einengung des Gesichtsfelds), man bekommt Manschetten um Ellenbogen und Knie und das Genick, die das Beugen der Gelenke erschweren. Gewichte simulieren das Abnehmen der Muskelmasse.

Das klingt ja äußerst deprimierend…

Ist es eigentlich nicht, denn der Alterungsprozess ist nicht nur völlig normal, sondern passiert sehr langsam und schleichend, so dass der Mensch genug Zeit hat, sich daran anzupassen. Dafür sind alle immer sehr erleichtert, wenn sie den Anzug wieder ausziehen dürfen, denn dann fühlt man sichi einfach herrlich. Davon abgesehen hat jeder sein biologisches Alter zu einem gewissen Teil selbst in der Hand…

Kalendarisches und biologisches Alter

Warum weist Du so auf den Unterschied zwischen biologischem und kalendarischem Alter hin?

Es gibt Studien, die besagen, dass das biologische und kalendarische Alter horrend weit auseinanderliegen können. Man kann also als 50-jähriger einen Gesundheitszustand wie ein 30-jähriger Mensch haben – aber auch einen wie ein 70-jähriger. Abhängig von den üblichen Verdächtigen: Sport, Ernährung, Erkrankungen, Umwelteinflüsse, Arbeitsleben, aber auch soziale Faktoren wie Familie und Freundeskreis spielen eine Rolle. Das hat man nur zum Teil in der Hand, aber es ist nicht so, dass man völlig machtlos ist. In dieser Richtung hat viel Forschung und Fachwissen zu einem stärkeren Bewusstsein für die eigene Gesundheit geführt. Kurzum: Es wird anders gealtert heutzutage und früher war eindeutig weniger Lametta.

Altern heute

Sagt ein Anzug, der quasi 4 Jahre alt ist… Aber gut: Wie hat sich „Altern“ verändert?

Früher gab es eine gängige Lebensgliederung: Man wuchs auf, dann hat man den Großteil seines Erwachsenenlebens teils körperlich schwer gearbeitet und ist meist in eher beeinträchtigtem Zustand im „Ruhestand“ angekommen. Heute verlaufen Biografien völlig anders: Nicht nur sind unsere Arbeitsplätze Stück für Stück weniger verschleißend geworden, so dass ein Mensch heute im Allgemeinen in besserem „Zustand“ im Rentenalter ankommt. Es ist außerdem so, dass sich die gängige Lebensgliederung individualisiert hat: Es ist zunehmend normal geworden, nach einer Phase des Lernens, z. B. einer Ausbildung, eine Zeitlang zu arbeiten, danach vielleicht noch einmal ein Studium zu machen, sich quer einen anderen Bereich zu erschließen, dazwischen vielleicht in Elternzeit zu gehen, ein Sabbatical zu machen (wenn möglich) oder zwischendurch eine Phase der Selbstständigkeit zu durchlaufen. Die festgefügten Abläufe lösen sich auf und somit kann man nicht mehr sagen, in welchem „Zustand“ ein älterer Mensch heute ist, wenn er 60, 70 oder 80 ist. Mal ehrlich: Jeder von uns kennt doch so einen Power-Rentner…

Das ist ja auch ein gesellschaftliches Thema – um nicht zu sagen: ein politisches

Natürlich – das Bild vom „alternden Menschen“ ist gerade dabei, sich zu verändern. Sind wir mal ehrlich: Beim Begriff „Rentner“ denkt man an beige gekleidete Herrschaften auf Kaffeefahrt, um mal das Klischee zu bedienen. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, davon auszugehen, dass jemand, der sagen wir mal bis 62 mit Freude und Leidenschaft einem bestimmten Beruf nachgegangen ist, diesen nun mit 66 auf einmal nicht mehr ausüben soll. Hierbei spreche ich nicht von körperlich schwer belastenden Arbeitsplätzen. Da ist mitunter schon deutlich vorher eine Grenze überschritten, die körperlich nicht mehr zu leisten ist. Hier ist es nun an der Politik, Lösungen vorzuschlagen, wie solche Menschen, die noch wollen und können, ihren Beitrag leisten können, ohne sich zwangsweise „aussortiert“ zu fühlen. Gleichzeitig müssen jene Menschen, die ihr Beruf körperlich stark gefordert hat, geschont und entsprechend entlastet werden. Da sollte fair hingeschaut werden und Raum für Einzelfallentscheidungen gelassen werden. Aber was weiß ich schon – ich bin nur ein Anzug.

Ein Arbeitstag im Leben von GerT

Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus für Dich?

Normalerweise schleift mich irgendjemand (völlig unergonomisch) zu einem Kunden, dort werde ich ausgepackt und erst einmal bestaunt. Im Einsatz kann ich zum Beispiel jungen Nachwuchsführungskräften ein Gefühl für ihre z. T. älteren Mitarbeiter geben, sie also für das Altern sensibilisieren und sie darauf aufmerksam machen, wie sie ein angenehmes Arbeitsumfeld für alle kreieren können.

Das zweite Einsatzgebiet führt mitten in die Praxis an den Arbeitsplatz: Wir gehen z. B. in eine Produktionsumgebung, in ein Lager, an eine Fertigungsstrecke, in eine Werkstatt, durch eine Anlage, über ein Gelände oder auch durch ein Gebäude und wir bemerken sehr schnell, welche Stellen unergonomisch gestaltet sind: Wir achten auf Lichtverhältnisse, Haltegriffe, Zugänge, Werkzeuge, Strecken und Entfernungen, Gewichte, Anlagenteile und Geräte, Bodenbeschaffenheit etc… Das nehmen wir auf einer Liste auf und übergeben diese Liste dann der zuständigen Person, zusammen mit Vorschlägen wie man diesen und jenen Arbeitsplatz ergonomischer gestalten könnte. Ggf. gibt es mit Prozess- , Produktions- oder Arbeitsplatzplanern eine zweite Runde, damit wir eine Lösung finden, die für alle funktioniert.

Schlecht getarnte Werbung ;-)

Aha – Schöner Wohnen. Kuscheln. Gutmenschtum. Großartig…

Also bitte… Wir sind mittlerweile so weit, dass man schon recht gut in Zahlen ausdrücken kann, was ein unergonomischer Arbeitsplatz „kostet“ – einerseits durch verschenkte Produktivität, andererseits durch erkrankte Mitarbeiter, die entweder am Arbeitsplatz erst einmal weniger leisten, dann bei Erkrankung natürlich ausfallen, wo dann Mehrarbeit übrig ist, die muss verteilt werden, das belastet die restlichen Mitarbeiter wieder, durch Verschiebungen an andere Arbeitsplätze entstehen ggf. Fehler, die dann auch wieder ausgebügelt werden müssen. Vom menschlichen Aspekt mal ganz abgesehen, wenn jemand so schwer erkrankt, dass er aus Gründen, die im Arbeitsumfeld liegen, nicht mehr arbeiten kann…

Aber Mitarbeiter könnten sich oft „günstiger“ verhalten, als sie es dann wirklich tun. Da stehen Hebehilfen in der Ecke und werden nicht benutzt, gute und sinnvolle Regeln werden nicht eingehalten („ich wollte doch nur schnell“) und schon hat man den Salat…

So ist der Mensch halt. Aber das ist Euer Problem, nicht meins. Ich bin ja nur ein Anzug in einem Koffer.

Mimimi… danke für’s Gespräch.

Pfff.

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