Wie lernen die Unternehmen im Exploit-Modus, wie die im Explore-Modus?

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

An anderer Stelle haben wir uns angeschaut, welche beiden Modi es für Unternehmen gibt und dass sich beide Modi nicht wirklich gut vertragen. Dazu haben wir das Statement der Forscher Weick & Westley angesehen:

Organizing and learning are essentially antithetical processes, which means the phrase ‘organizational learning’ qualifies as an oxymoron. To learn is to disorganize and increase variety. To organize is to forget and reduce variety.

Jede Kombination der Themen „Lernen“ und „Organisation/organisieren“ ist damit zumindest mal bedenklich. Ein Unternehmen, das gut im „Organisieren“ ist (damit ist gemeint: dem Organisationszweck gerecht werden), muss notwendig im Lernen eher schlecht sein. Oder, in Ambidextrie-Begriffen gesagt: Ein Unternehmen im Exploit-Modus ist im Explorieren schlecht, ein Unternehmen im Explore-Modus im Exploiten schlecht (um dieses Wort mal neu zu prägen).

Aber heißt das nun, ein Unternehmen im Exploit-Modus lernt gar nicht, weil es nicht geht? Kann doch gar nicht sein!

Doch, es lernt auch, aber es lernt anders. Im Exploit-Modus bedeutet lernen, dass man vom gefundenen Weg, der „funktioniert“ möglichst nicht abweichen sollte bzw. ihn nur weiter optimiert, aber nicht komplett ändert oder in Frage stellt. Aus früheren Zeiten kennen wir das tayloristische Organisationsprinzip: Aus diesem Stammt auch die (typisch exploit-lastige) Begrifflichkeit des „one best way“. Genau so wird’s gemacht – und nicht anders! Lernen dient dem Ziel, alle auf diesen „one best way“ zu verpflichten und jede Form der Wissensweitergabe ist darauf zugeschnitten. Demnach wird vom Vorgesetzten oder vom Meister das „richtige“ Wissen weitergegeben und die Aufgabe des Lerners ist es, dieses Wissen aufzunehmen und möglichst buchstabengetreu umzusetzen. Deshalb sind auch die mittlerweile etwas in Verruf geratenen „best practice“-Beispiele ein typisches Exploit-Instrument. Und in Verruf geraten sind sie deshalb, weil bei einem Explore-Problem zu viele Unsicherheitsfaktoren bestehen, als dass man sich das „how to“ von anderen einfach abschauen könnte.

Praktisches Beispiel: Ein gut definierter Prozess wie z. B. Kekse backen folgt einem Rezept. Keksrezepte können ein wenig variieren und sie können verschiedene Kekse ergeben. Der Grundprozess ist jedoch oft ähnlich: Eine näher zu bestimmende Kombination aus Eiern, Mehl, Zucker und diversen Zugaben wird vermischt und dann in einen heißen Ofen befördert. Hierfür sind „best practice“-Beispiele etabliert – wir nennen sie „Rezept“. Habe ich ein offenes, unstrukturiertes Problem, oder weiß vielleicht gar nicht genau, wie ich das Problem fassen oder beschreiben soll, dann komme ich mit Rezepten nur mit viel Glück und Zufall weiter. Dann muss ich in den Explore-Modus wechseln und mich zumindest eine Zeit lang mit Versuch und schnellem Lernen aus Fehlern durchkämpfen.

Warum ist diese Unterscheidung relevant? Wir erleben momentan einen immensen Shift hin zu solchen unstrukturierten Problemen. Der Grund ist die Geschwindigkeit, mit der sich technische Veränderungen (z. B. im Rahmen der Digitalisierung) in unser aller Leben breit machen. Mit ihnen kommt eine unüberblickbare Anzahl an neuen Möglichkeiten daher, die geprüft, bewertet, getestet, verbessert und irgendwann ausgerollt werden müssen. Per definitionem befinden wir uns in einer Zeit, in der der Explore-Modus hilft, Innovation zu fördern und zukunftsfördernde Entscheidungen zu treffen. Wenn man sich als Unternehmen aber im Exploit-Modus soweit eingerichtet hat, dass einem das Explorieren schwer fällt, ist eine milde Panik durchaus angesagt.

Take Away Messages:

  • Sowohl im Exploit- als auch im Explore-Modus lernen Unternehmen.
  • Im Exploit-Modus bedeutet lernen, den als „optimalen“ Weg festgelegten Prozess zu zementieren. Das Ziel ist, dafür zu sorgen, dass möglichst alle Beteiligten so präzise wie möglich die Vorgaben einhalten. Lernen ist hier also die Weitergabe von überprüftem Wissen.
  • Im Explore-Modus bedeutet lernen, dass ein bisher neues, unbekanntes oder unstrukturiertes Gebiet erschlossen wird. Dazu gehören Versuch und Irrtum genauso wie das selbstkritische Betrachten des eigenen Vorgehens. Es erfordert damit neben der Aufnahme von Fachwissen auch persönliche Kompetenzen.
  • Unsere Zeiten sind aufgrund der beschleunigten Entwicklungen so angelegt, dass viele Probleme eher durch den Explore-Modus anzugehen, zu strukturieren und zu lösen wären. Dies fällt vielen Firmen schwer, denn sie haben schließlich viele Jahre lang den Exploit-Modus perfektioniert.

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