Wie stelle ich fest, wo wir stehen? Sind wir Explorer oder Exploiter?

von Gudrun Töpfer (Kommentare: 0)

In der Ambidextrieforschung ist relativ unumstritten, dass Unternehmen – zumindest irgendwie – beide Elementarprozesse betreiben müssen: Sie müssen irgendwann etwas Definiert, Erfunden oder ein bestehendes Produkt so gut gemacht haben, dass damit der Gang auf den Markt funktioniert hat. Und wenn das Unternehmen nicht in einer frühen Start-Up-Phase gestolpert ist und sich eine blutige Nase geholt hat, ist es irgendwann wahrscheinlich in eine Art „Normalbetrieb“ übergegangen und hat dieses Produkt zuverlässig und mit möglichst wenig Fehlern und unter Aufwand niedriger Ressourcen hergestellt und begonnen, es zu vertrieben. Wenn das Unternehmen dann weiter bestehen blieb, hat es sich irgendwann wieder auf den Weg gemacht, sich innovativ zu verhalten, etwas Neues zu erkunden oder zu entdecken. Dieser Zyklus ist in den meisten Unternehmen zu entdecken, es gibt nur ganz wenig Ausnahmen.

Eine Diagnose, was das Unternehmen jetzt gerade, aktuell, macht, ist aus mehreren Gründen schwierig. Suchen wir also mal auf den verschiedenen Ebenen, aus denen ein Unternehmen so besteht, nach Hinweisen für das eine oder das andere:

Auf der Ebene des Individuums kann man beginnen, denn da gibt es einzelne Personen, die für das eine oder das andere mehr Talent haben. Es gibt die Tüftler, also die Daniel Düsentriebs, die sich ganz dem Ausprobieren, Scheitern und Wiederaufstehen verschreiben können – das sind die Explorer. Gleichzeitig gibt es die Prozess-Spezialisten, die in einem Fertigungsprozess nach den halben Sekunden suchen, um ein Produkt mit minimalen Ressourcen herstellen zu helfen – das sind die Exploiter.

Über der Individualebene gibt es die Gruppenebene: Hier lässt sich beobachten, dass bestimmte Unternehmensbereiche per definitionem eine eher explore- oder exploit-lastige Aufgabe zugeschrieben bekommen. Die Buchhaltung (das immer wieder verwendete Beispiel) soll möglichst nicht jeden Tag mit einem kreativen Brainstorming beginnen und überlegen, was wir heute tun und wie. In der Forschungsabteilung ist uns das dagegen sehr willkommen. Diese Zuschreibung wird vom Unternehmen vorgenommen und sie kollidiert fleißig mit der individuellen Ebene. Denn was ein (um mal  bei allen Klischees zu bleiben) chaotischer und kreativer Explorer in einer streng durchgetakteten und standardisierten Prozesskette anrichten kann, können wir uns alle lebhaft vorstellen.

Übergeordnet kann man schließlich noch auf der Organisationsebene schauen: Da können verschiedene strategische Ziele ausgegeben werden, die sich dem einen, dem anderen, oder beiden Zielen zuordnen lassen: Ein neues Produkt zu entwickeln, weil das bisherige von der Konkurrenz ausreichend gut nachgemacht wird, ist z. B. ein eher explore-lastiges Ziel. Wenn dabei dann noch möglichst viel „digital“ drinstecken soll (Motto: just add bluetooth), ist das schon eine schöne kreative Aufgabe, wenn bisher kein Strom durch das Produkt floss. Andererseits kann auch die Ausrichtung heißen, dass eine Fertigungsstrecke erneuert wird, die Prozesse gerafft oder an entsprechenden Stellen geradegezogen werden sollen.

Nun kann man sich überlege, welche Ebene die „entscheidende“ ist, um eine Diagnose zu wagen. Es gibt gute Gründe dafür, zu sagen, dass das Individuum entscheidet, weil es einen gewissen kreativen Freiraum um sich herum hat, der mit Eigenaktivität gefüllt werden kann. Vielleicht liegt aber auch die Wahrheit in der Mitte und eine Buchhaltung entscheidet, trotz ihrer originär exploit-lastigen Aufgabe selbst, wie sie in Macro-Bereichen explorieren und ihre eigenen Aufgaben, Abläufe und Werkzeuge ändern und sich von innen heraus verbessern kann. Es gibt sehr viele Gründe dafür, zu sagen, dass die Organisationsebene entscheidet, denn sie teilt schlussendlich bestimmten Aktivitäten, Projekten oder Bereichen Ressourcen zu und aufgrund der Endlichkeit von Ressourcen werden anderen Aktivitäten, Projekten oder Bereichen Ressourcen vorenthalten – geht ja gar nicht anders.

Take Away Messages:

  • In Unternehmen gibt es auf verschiedenen Ebenen Merkmale, um Exploit- und Explore-Modus zu unterscheiden.
  • Aus Sicht der Wissenschaft kämpfen beide Modi um Ressourcen: Zeit, Geld, Prestige – also Ressourcen.
  • Es spricht viel dafür, dass trotz Eigenaktivität auf Individuums- und Gruppenebene die Eben der Organisation entscheidet, denn sie gibt zum Einen die übergeordneten Ziele vor, zum anderen teilt sie die benötigten Ressourcen zu und stellt Werkzeuge zur Verfügung.

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